Palmsonntag: Wer sind wir?

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Der Palmsonntag vereinigt die Freude über den Einzug Jesu in Jerusalem, seine festliche Begrüßung, mit den düsteren Ereignissen der Kartage. In der außerordentlichen Form des Ritus drückt sich das sinnfällig aus, denn da wechselt der Priester von roten Paramenten dann vor der eigentlichen Meßfeier, in der die Leidensgeschichte Jesu gelesen wird, zu violett. Zum Einzug hören wir den Ruf der jubelnden Menge:

Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!

Es werden Lobgesänge auf Gott gesungen, ein Hymnus auf Christus als König. Nach dem Evangelium zur Palmprozession ruft der Priester dazu auf, die Jesu preisenden Massen nachzuahmen. Auf Deutsch heißt es:

Wie einst das Volk von Jerusalem Jesus zujubelte, so begleiten auch wir jetzt den Herrn und singen ihm Lieder.

Doch das lateinische Original ist deutlicher. Eine wortgetreuere Übersetzung wäre wohl:

Liebe Brüder, ahmen wir die Mengen nach, die Jesus zujubelten, und gehen wir in Frieden los.

Das wirft auch ein Licht auf uns selbst. In der Menge, die Jesus zujubelte, waren wohl auch solche, die nur wenige Tage später ihn ans Kreuz wünschen würden. Aber auch solche, die sich aus Furcht vor den Mächtigen dann verstecken, lieber ruhig verhalten oder ihren Jubel verleugnen würden. Vielleicht auch jemand, der verzweifelt nachdenken würde, wie er Jesus helfen könnte. Wer sind wir, wenn der Jubel in Hass und Verfolgung umschlägt? Wer sind wir, wenn der Glaube verspottet, Christus aus der Öffentlichkeit verbannt wird?

Viele glauben von sich, sie wären Helden, wenn es darauf ankommt. Der Palmsonntag erzählt uns nüchtern, wie schnell aus Jubel Not werden kann, und wie einsam es in dieser Not aussieht. Freilich: Ostern und Pfingsten eröffnen uns neue Möglichkeiten. Und so hören wir in der Apostelgeschichte wiederum, dass viele aus der Menge in Jerusalem nach Pfingsten zu Christen wurden. Viele, denen Petrus in seiner Predigt vorhalten konnte, dass sie an Jesu Tod mitschuldig seien.

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5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt 

4. Sonntag der Fastenzeit: Seid fröhlich zusammen mit ihr!

Missale Salisburgensis

Missale Salisburgensis

Der 4. Sonntag der Fastenzeit heißt bekanntlich Sonntag „Laetare“ und lässt Ostern schon vorleuchten, wie schon an den rosafarbenen Paramenten erkennbar sein kann, sofern man welche hat. Die Halbzeit der Quadragesima, der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern, ist geschafft, das Ziel rückt näher. Das hört man auch im Introitus, der in der deutschen Übersetzung des Messbuchs allerdings etwas verstümmelt ist:

Introitus (Js 66, 10-11; Ps 121,1)1 Eingangsvers2
Laetare, Ierusalem, Freue dich, Stadt Jerusalem!
et convetum facite, omnes qui diligitis eam; Seid fröhlich zusammen mit ihr,
gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis, alle, die ihr traurig wart.
ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.
Lætatus sum in his, quæ dicta sunt mihi: (Ich freute mich, als man mir sagte:
in domum Domini ibimus. „Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“)

Der Eingangsvers lautet in der Einheitsübersetzung etwas anders:

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!

Das Sprachbild der mater lactans war wohl den Übersetzern der deutschen Ausgabe — im Unterschied zum Vatikan und den Übersetzern anderer Sprachen — zu gewagt. Schade, denn hier wird die tröstende Verheißung des neuen Jerusalem wortgewaltig spürbar. Nach der Trauer, die uns oft in dieser Welt überkommt, ist uns im Bild des „neuen Jerusalem“ (Offb 21,10-27) ein Zeichen dafür gegeben, welche Fülle uns Jesus schenken will. Eine Fülle, gegenüber der wir wie ein Kind sind, das von seinen Eltern umsorgt und getröstet wird.

Traditionell wurde an diesem Sonntag die wunderbare Brotvermehrung nach Johannes gelesen. Diese Perikope bot sich aus mehreren Gründen an: Gleich zu Beginn vermerkt der Evangelist, dass das Paschafest nahe war. Wie aus den fünf Broten und zwei Fischen mehr als genug für die große Menschenmenge wird, so schenkt Jesus die Fülle des Lebens. Die Brotteilung weist zudem auf die Eucharistie voraus. Schließlich zieht sich Jesus zurück, als er ahnt, dass ihn die Menschen zum irdischen König machen wollen — eine Vorahnung der Geschehnisse am Palmsonntag und ihrer bitteren Konsequenz.

So entsprachen sich Eingangsvers und Evangelium im Hinweis auf die verheißene Fülle des Lebens. Entsprechend wurde als Epistel ein Abschnitt aus dem Galaterbrief gelesen, der ebenso auf das himmlische Jerusalem bezugnimmt: „Das himmlische Jerusalem aber ist frei, und dieses Jerusalem ist unsere Mutter.“

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, doch auch eine Zeit der Vorfreude. In diesem Fall ist Vorfreude zwar nicht die schönste Freude, aber ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird.


  1. Nach dem Missale Salisburgense, Wien 1510. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Heil’ges Kreuz reloaded

Seit Pflanzung des Hollerbuschs habe ich über 1.600 Blogeinträge verfasst. Dabei entdecke ich selbst immer wieder etwas Neues, wenn ich die alten Einträge durchstöbere. Oder andere entdecken es für mich. Diesmal hat mich die Blogstatistik darauf gestoßen, dass viele Menschen gerade in der Fastenzeit meinen alten Eintrag zum Volksmissionslied „Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret“ aufsuchen, den ich selbst längst vergessen habe. Im Wesentlichen war dort der Text des Liedes zu finden.

Wie ich seit kurzem weiß, lautete das Lied ursprünglich ein wenig anders: Der Liedtext war um zwei Strophen länger, einige Wendungen unterscheiden sich deutlich und der Refrain bestand ursprünglich nur aus zwei Zeilen, die wiederholt wurden. Wer selbst vergleichen will, kann jetzt beide Liedfassungen hier in der ausgebauten Version des Eintrags lesen.

Vom nutzlosen und rechten Fasten

Mit dem Aschermittwoch beginnt wieder die Fastenzeit. Fasten ist dabei heute ja sehr modern. Es gibt „Fastenjoghurt“ und „Heilfasten“. Wenn einige Bekannte abnehmen wollen, dann reden sie nicht mehr von einer Diät — das ist anscheinend nicht mehr en vogue –, sondern vom „Fasten“. Manche suchen richtiggehend nach Mitleid für ihr „aufopferungsvolles“ „Fasten“. Doch mit dem Fasten der Bibel hat das wenig zu tun.

Schon der Prophet Jesaja erinnert seine Mitbürger daran, dass die Zeichen des Fastens nicht um ihrer selbst willen getan werden sollen. Die Zurückhaltung bei Speise und Trank und Prunk unterstützt etwas anderes:

Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße und du merkst es nicht?

Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.

In die gleiche Kerbe schlägt die frühchristliche Schrift „Der Hirte des Hermas“. In einem Gleichnis wird dort das rechte Fasten ausgelotet. Nur auf Speisen zu verzichten, das ist nutzloses Fasten. Vielmehr tut das rechte Fasten etwas für die Gerechtigkeit. Und dazu wird folgendes Gleichnis erzählt:

Ein reicher Großgrundbesitzer vertraut einem treuen und geschätzten Sklaven die Sorge um einen frisch angepflanzten Weinberg an, den er mit einem Zaun umgeben soll. Als Lohn winkt die Freiheit. Der Sklave zäunt den Weinberg ein, gräbt aber dann auch noch den Weinberg um und jätet alles Unkraut. Daher wuchsen die Weinstöcke nun besonders gut. Der Besitzer kommt zurück und ist über die Arbeit des Sklaven entzückt. Begeistert erzählt er seinem Sohn und seinen Freunden von der Leistung des Sklaven und verspricht, ihn zum Miterben einzusetzen, „weil er den guten Gedanken nicht von sich gewiesen, sondern ihn ausgeführt hat.“ Der Sohn stimmt zu. Bei einem folgenden Festmahl bedenkt der Hausherr diesmal auch den Sklaven, doch der lässt einen Teil seinen Mitknechten zukommen, die daraufhin für ihn beten, dass er beim Hausherrn noch mehr Gnade finde. Das hört der Besitzer wiederum, der es Sohn und Freunden erzählt. Alle sehen die Miterbenschaft des Sklaven bestätigt.

Man soll also die Gebote des Herrn halten, der unschwer in dem Großgrundbesitzer zu erkennen ist. Schon das ist genug. Wer darüberhinaus Gutes tut, wird aber besonders gepriesen werden. Im „Hirten des Hermas“ wird daher folgender Rat gegeben:

Das Fasten, welches du beobachten willst, halte also: Fürs allererste hüte dich vor jedem schlechten Worte, jeder bösen Begierde und halte dein Herz rein von allen Eitelkeiten dieser Welt! Wenn du dies beobachtest, wird dein Fasten vollkommen sein. Dabei sollst du es also machen: Zunächst erfülle, was geschrieben steht; dann sollst du an diesem Tage nur Wasser und Brot essen; von den Speisen, die du sonst an diesem Tage genießen würdest, sollst du sodann die Höhe der Auslagen für den in Betracht kommenden Tag berechnen und diese einer Witwe oder einer Waise oder einem Bedürftigen geben und so dich bescheiden, auf dass der, welcher durch deine Bescheidenheit etwas bekommen hat, sein Herz erfülle und für dich zum Herrn bete. Wenn du also so, wie ich es angegeben habe, das Fasten hältst, wird dein Opfer angenehm sein bei Gott, und dies dein Fasten wird eingeschrieben werden, und ein Gottesdienst, der so geübt wird, ist gut, erfreulich und wohlgefällig beim Herrn.

Das klingt ja eigentlich recht vertraut. Das Rezept für den Familienfasttag ist nicht viel anders! Aus dem Verzicht soll etwas Gutes wachsen können. Das kann ein innerer Beitrag sein, wenn man durch das Loslassen freier für Gott wird, oder ein äußerer Beitrag, wie ihn im „Hirten des Hermas“ eine Witwe oder Waise erhalten soll. Aber es darf kein Fasten um des Fastens willen sein, bei dem in Wahrheit nur das eigene Ego im Vordergrund steht.

Zum Thema Fasten würde mir noch mehr einfallen. Wenn man ein Blog schon länger betreibt, hat man aber mitunter den Luxus, auf ältere Texte zurückgreifen zu können. Über die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Joël, die zu Aschermittwoch vorgesehen ist, habe ich 2010 ein paar Gedanken zusammengetragen. Über Sinn und Zweck der Buße habe ich 2011 einen kurzen Text geschrieben. „Warum Fasten sinnvoll ist“ — dazu habe ich 2013 einige Gedanken beigesteuert. Zu Aschermittwoch beginnt eine neue Gelegenheit, denWeg zu Jesus zu nehmen, wie ich meinen Aschermittwoch-Text 2014 betitelt habe.

Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret

Kreuzabnahme Christi, Codex Egberti, Fol. 85v

Kreuzabnahme Christi, Codex Egberti, Fol. 85v

  1. Heilges Kreuz, sei hoch verehret,
    Baum, an dem der Heiland hing,
    wo sich seine Lieb’ bewähret,
    Lieb’, die bis zum Tode ging.
    R. Sei mit Mund und Herz verehret,
    Kreuzstamm Christi, meines Herrn.
    Einstmals seh’n wir dich verkläret,
    strahlend gleich dem Morgenstern.

  2. Heilges Kreuz, sei unsre Fahne,
    die uns führt durch Kampf und Not,
    die uns halte, die uns mahne,
    treu zu sein bis in den Tod.

  3. Heilges Kreuz, du Siegeszeichen,
    selig, wer auf dich vertraut.
    Sicher wird sein Ziel erreichen,
    wer auf dich im Leben schaut.

  4. Kreuz, du Denkmal seiner Leiden,
    präg’ uns seine Liebe ein,
    dass wir stets die Sünde meiden,
    stets gedenken seiner Pein.

In Österreich wird in der Fastenzeit, besonders auf Kreuzwegen, oft dieses alte Volksmissionslied gesungen, das uns in den dunklen Kartagen daran erinnert, dass das Kreuz ein Leidens-, aber auch Liebeszeichen, ein Sterbens-, doch auch Heilszeichen ist. Das Lied kann man als MP3 anhören.

Ergänzung (9.3.2017):

Das Lied stammt wohl aus dem süddeutsch-österreichischem Raum im 19. Jahrhundert. Es findet sich auf Seite 377 der vermehrten Fassung des Gebets- und Erbauungsbuches „Gott ist die Liebe“ aus dem Jahr 1850 — so neu ist die Popularität des Spruches „Gott ist die Liebe“ also nicht –, und in der Passauer „Engelsharfe“ aus dem Jahr 1854 auf Seite 164. Nach 1850 findet es sich auch in vielen anderen Quellen, so in einem Bericht aus der Steiermark über die Einweihung einer Kreuzsäule in Graz 1855, oder in „Liedern für Kirche und Haus“ aus München 1854.

Alle diese Büchern bringen im Wesentlichen den gleichen Text, der sich allerdings von der heutigen Gotteslob-Fassung etwas unterscheidet:

Fassung um 1850

Heil’ges Kreuz: Noten aus dem Melodienbuch zur Engelsharfe (1866)

Heil’ges Kreuz: Noten aus dem Melodienbuch zur Engelsharfe (1866)

  1. Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret,
    Hartes Ruhbett meines Herrn.
    Einstmals seh’n wir dich verkläret,
    Strahlend gleich dem Morgenstern.
    Chor: Sei mit Herz und Mund verehret
    Kreuzstamm Christi meines Herrn. (2x)

  2. Kreuz, du Denkmal seiner Leiden,
    Präg’ uns seine Liebe ein,
    Daß wir stets die Sünde meiden,
    Stets gedenken seiner Pein.

  3. Heil’ges Kreuz, sei uns’re Fahne
    In dem Kampf, in jeder Noth,
    Die uns wecke, die uns mahne,
    Treu zu sein bis in den Tod.

  4. Heil’ges Kreuz, du Siegeszeichen,
    Selig, wer auf dich vertraut;
    Glücklich wird sein Ziel erreichen,
    Wer auf dich im Kampfe schaut.

  5. Denkmal, Fahne, Siegeszeichen,
    Uns’re Hoffnung, unser Schild,
    Nimemer soll die Andacht weichen
    Zu dem heil’gen Kreuzesbild.

  6. Eines sei uns noch gewähret:
    Ruft uns einst der Ruf des Herrn,
    Sei im Sterben noch verehret,
    Leucht uns als ein Morgenstern.