Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Heil’ges Kreuz reloaded

Seit Pflanzung des Hollerbuschs habe ich über 1.600 Blogeinträge verfasst. Dabei entdecke ich selbst immer wieder etwas Neues, wenn ich die alten Einträge durchstöbere. Oder andere entdecken es für mich. Diesmal hat mich die Blogstatistik darauf gestoßen, dass viele Menschen gerade in der Fastenzeit meinen alten Eintrag zum Volksmissionslied „Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret“ aufsuchen, den ich selbst längst vergessen habe. Im Wesentlichen war dort der Text des Liedes zu finden.

Wie ich seit kurzem weiß, lautete das Lied ursprünglich ein wenig anders: Der Liedtext war um zwei Strophen länger, einige Wendungen unterscheiden sich deutlich und der Refrain bestand ursprünglich nur aus zwei Zeilen, die wiederholt wurden. Wer selbst vergleichen will, kann jetzt beide Liedfassungen hier in der ausgebauten Version des Eintrags lesen.

Vom nutzlosen und rechten Fasten

Mit dem Aschermittwoch beginnt wieder die Fastenzeit. Fasten ist dabei heute ja sehr modern. Es gibt „Fastenjoghurt“ und „Heilfasten“. Wenn einige Bekannte abnehmen wollen, dann reden sie nicht mehr von einer Diät — das ist anscheinend nicht mehr en vogue –, sondern vom „Fasten“. Manche suchen richtiggehend nach Mitleid für ihr „aufopferungsvolles“ „Fasten“. Doch mit dem Fasten der Bibel hat das wenig zu tun.

Schon der Prophet Jesaja erinnert seine Mitbürger daran, dass die Zeichen des Fastens nicht um ihrer selbst willen getan werden sollen. Die Zurückhaltung bei Speise und Trank und Prunk unterstützt etwas anderes:

Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße und du merkst es nicht?

Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.

In die gleiche Kerbe schlägt die frühchristliche Schrift „Der Hirte des Hermas“. In einem Gleichnis wird dort das rechte Fasten ausgelotet. Nur auf Speisen zu verzichten, das ist nutzloses Fasten. Vielmehr tut das rechte Fasten etwas für die Gerechtigkeit. Und dazu wird folgendes Gleichnis erzählt:

Ein reicher Großgrundbesitzer vertraut einem treuen und geschätzten Sklaven die Sorge um einen frisch angepflanzten Weinberg an, den er mit einem Zaun umgeben soll. Als Lohn winkt die Freiheit. Der Sklave zäunt den Weinberg ein, gräbt aber dann auch noch den Weinberg um und jätet alles Unkraut. Daher wuchsen die Weinstöcke nun besonders gut. Der Besitzer kommt zurück und ist über die Arbeit des Sklaven entzückt. Begeistert erzählt er seinem Sohn und seinen Freunden von der Leistung des Sklaven und verspricht, ihn zum Miterben einzusetzen, „weil er den guten Gedanken nicht von sich gewiesen, sondern ihn ausgeführt hat.“ Der Sohn stimmt zu. Bei einem folgenden Festmahl bedenkt der Hausherr diesmal auch den Sklaven, doch der lässt einen Teil seinen Mitknechten zukommen, die daraufhin für ihn beten, dass er beim Hausherrn noch mehr Gnade finde. Das hört der Besitzer wiederum, der es Sohn und Freunden erzählt. Alle sehen die Miterbenschaft des Sklaven bestätigt.

Man soll also die Gebote des Herrn halten, der unschwer in dem Großgrundbesitzer zu erkennen ist. Schon das ist genug. Wer darüberhinaus Gutes tut, wird aber besonders gepriesen werden. Im „Hirten des Hermas“ wird daher folgender Rat gegeben:

Das Fasten, welches du beobachten willst, halte also: Fürs allererste hüte dich vor jedem schlechten Worte, jeder bösen Begierde und halte dein Herz rein von allen Eitelkeiten dieser Welt! Wenn du dies beobachtest, wird dein Fasten vollkommen sein. Dabei sollst du es also machen: Zunächst erfülle, was geschrieben steht; dann sollst du an diesem Tage nur Wasser und Brot essen; von den Speisen, die du sonst an diesem Tage genießen würdest, sollst du sodann die Höhe der Auslagen für den in Betracht kommenden Tag berechnen und diese einer Witwe oder einer Waise oder einem Bedürftigen geben und so dich bescheiden, auf dass der, welcher durch deine Bescheidenheit etwas bekommen hat, sein Herz erfülle und für dich zum Herrn bete. Wenn du also so, wie ich es angegeben habe, das Fasten hältst, wird dein Opfer angenehm sein bei Gott, und dies dein Fasten wird eingeschrieben werden, und ein Gottesdienst, der so geübt wird, ist gut, erfreulich und wohlgefällig beim Herrn.

Das klingt ja eigentlich recht vertraut. Das Rezept für den Familienfasttag ist nicht viel anders! Aus dem Verzicht soll etwas Gutes wachsen können. Das kann ein innerer Beitrag sein, wenn man durch das Loslassen freier für Gott wird, oder ein äußerer Beitrag, wie ihn im „Hirten des Hermas“ eine Witwe oder Waise erhalten soll. Aber es darf kein Fasten um des Fastens willen sein, bei dem in Wahrheit nur das eigene Ego im Vordergrund steht.

Zum Thema Fasten würde mir noch mehr einfallen. Wenn man ein Blog schon länger betreibt, hat man aber mitunter den Luxus, auf ältere Texte zurückgreifen zu können. Über die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Joël, die zu Aschermittwoch vorgesehen ist, habe ich 2010 ein paar Gedanken zusammengetragen. Über Sinn und Zweck der Buße habe ich 2011 einen kurzen Text geschrieben. „Warum Fasten sinnvoll ist“ — dazu habe ich 2013 einige Gedanken beigesteuert. Zu Aschermittwoch beginnt eine neue Gelegenheit, denWeg zu Jesus zu nehmen, wie ich meinen Aschermittwoch-Text 2014 betitelt habe.

Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret

Kreuzabnahme Christi, Codex Egberti, Fol. 85v

Kreuzabnahme Christi, Codex Egberti, Fol. 85v

  1. Heilges Kreuz, sei hoch verehret,
    Baum, an dem der Heiland hing,
    wo sich seine Lieb’ bewähret,
    Lieb’, die bis zum Tode ging.
    R. Sei mit Mund und Herz verehret,
    Kreuzstamm Christi, meines Herrn.
    Einstmals seh’n wir dich verkläret,
    strahlend gleich dem Morgenstern.

  2. Heilges Kreuz, sei unsre Fahne,
    die uns führt durch Kampf und Not,
    die uns halte, die uns mahne,
    treu zu sein bis in den Tod.

  3. Heilges Kreuz, du Siegeszeichen,
    selig, wer auf dich vertraut.
    Sicher wird sein Ziel erreichen,
    wer auf dich im Leben schaut.

  4. Kreuz, du Denkmal seiner Leiden,
    präg’ uns seine Liebe ein,
    dass wir stets die Sünde meiden,
    stets gedenken seiner Pein.

In Österreich wird in der Fastenzeit, besonders auf Kreuzwegen, oft dieses alte Volksmissionslied gesungen, das uns in den dunklen Kartagen daran erinnert, dass das Kreuz ein Leidens-, aber auch Liebeszeichen, ein Sterbens-, doch auch Heilszeichen ist. Das Lied kann man als MP3 anhören.

Ergänzung (9.3.2017):

Das Lied stammt wohl aus dem süddeutsch-österreichischem Raum im 19. Jahrhundert. Es findet sich auf Seite 377 der vermehrten Fassung des Gebets- und Erbauungsbuches „Gott ist die Liebe“ aus dem Jahr 1850 — so neu ist die Popularität des Spruches „Gott ist die Liebe“ also nicht –, und in der Passauer „Engelsharfe“ aus dem Jahr 1854 auf Seite 164. Nach 1850 findet es sich auch in vielen anderen Quellen, so in einem Bericht aus der Steiermark über die Einweihung einer Kreuzsäule in Graz 1855, oder in „Liedern für Kirche und Haus“ aus München 1854.

Alle diese Büchern bringen im Wesentlichen den gleichen Text, der sich allerdings von der heutigen Gotteslob-Fassung etwas unterscheidet:

Fassung um 1850

Heil’ges Kreuz: Noten aus dem Melodienbuch zur Engelsharfe (1866)

Heil’ges Kreuz: Noten aus dem Melodienbuch zur Engelsharfe (1866)

  1. Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret,
    Hartes Ruhbett meines Herrn.
    Einstmals seh’n wir dich verkläret,
    Strahlend gleich dem Morgenstern.
    Chor: Sei mit Herz und Mund verehret
    Kreuzstamm Christi meines Herrn. (2x)

  2. Kreuz, du Denkmal seiner Leiden,
    Präg’ uns seine Liebe ein,
    Daß wir stets die Sünde meiden,
    Stets gedenken seiner Pein.

  3. Heil’ges Kreuz, sei uns’re Fahne
    In dem Kampf, in jeder Noth,
    Die uns wecke, die uns mahne,
    Treu zu sein bis in den Tod.

  4. Heil’ges Kreuz, du Siegeszeichen,
    Selig, wer auf dich vertraut;
    Glücklich wird sein Ziel erreichen,
    Wer auf dich im Kampfe schaut.

  5. Denkmal, Fahne, Siegeszeichen,
    Uns’re Hoffnung, unser Schild,
    Nimemer soll die Andacht weichen
    Zu dem heil’gen Kreuzesbild.

  6. Eines sei uns noch gewähret:
    Ruft uns einst der Ruf des Herrn,
    Sei im Sterben noch verehret,
    Leucht uns als ein Morgenstern.

Die sieben Kreuz-Worte

Kreuzigung Christi. (Limoges Émail, KGM Berlin)

Kreuzigung Christi. (Limoges)

  1. O Jesu, deine Sieben Wort,
    Mit denen du am Kreuze dort
    Hast gute Nacht gegeben,
    Die lass einst selig führen fort
    Auch mich aus diesem Leben.

  2. Lass mich vergeben meinem Feind
    Und sterben aller Menschen Freund,
    Von gutem Herzen bitten
    Vor jeden, der es bös gemeint,
    Dies waren deine Sitten.

  3. Lass mich bestellen wohl mein Haus,
    Mein Gut den meinen teilen aus,
    Versorgt sie hinterlassen,
    Vorsorgen auch um eine Klaus,
    Den Leib ins Grab zufassen.

  4. Gib, dass nach deinem Paradeis
    Im Ende meiner Lebensreis
    Mög’ meine Seel’ verlangen.
    lass nach dem Tod am Himmelskreis
    Mich als ein Sternlein prangen.

  5. Dein Geist mir schreien helf’ im Tod:
    Lass mich nit in der letzten Not
    Von Gott verlassen werden.
    Der Tod mir rufe als dein Bot
    Gen Himmel von der Erden.

  6. Alsdann, wann meine Sünd’ in mir
    Sich reget und mich dürst’ nach dir,
    So lass mich nicht verzagen.
    Tröst’ mich durch deinen Diener hier,
    lass mich die Not ihm klagen.

  7. Kommt aller meiner Tage Nacht,
    So lass mich dein „Es ist vollbracht“
    Mit Freuden dir nachsprechen.
    Gib mir auch, dass fein sanft und sacht
    Mir Herz und Augen brechen.

  8. Den Geist, wann er nun reisen soll,
    Dein Geist mir helf’ empfehlen wohl
    Zu deines Vaters Händen.
    Die Seel’ dein Engel zu dir hol,
    So kann ich selig enden.

  9. Wann ich mit dir stimm’ also an,
    Werd’ ich dir nach mich als ein Schwan
    Gen Himmel können schwingen.
    Lass, Jesu, auf der Todesbahn
    Mich zu dem Leben dringen.

— Sigmund von Birken (*1626, † 1681)
(Quelle: zeno.org)

Die Karwoche, das ist hier und jetzt

Wer bin ich vor dem Herrn?, fragt Papst Franziskus. Wer bin ich in den Tagen des feierlichen Einzugs, in den Tagen des Leidens und Sterbens, am Tag der Auferstehung?

In Elsas Nacht(b)revier finden sich dazu sehr schöne Gedanken, ausgehend von der „Gebrechlichkeit der menschlichen Natur“.

Diese Gebrechlichkeit war Jesus vertraut, ist der Kirche vertraut. Deswegen bedürfen wir der Vergebung, Liebe, Barmherzigkeit. Deswegen ist die Vergebung der Sünden eine so wichtige Vollmacht, die Jesus seinen Jüngern erteilt. Deswegen ist das Sakrament der Buße ein so kostbares: Kostbar erkauft, kostbar für uns selbst.

Die Geschehnisse der Karwoche und die Auferstehung sind daher keine abgeschlossenen, vergangenen Dinge; sie sind Gegenwart, wirken hier und jetzt. Am Gründonnerstag sagt der Priester im I. Hochgebet nicht ohne Grund: „Am Abend, bevor er für unser Heil und das Heil aller Menschen das Leiden auf sich nahm – das ist heute -,“

Wer immer wir in den Geschehnissen der Karwoche sind, so ist uns aber die Umkehr zu Gott nicht versperrt.

Einer der Schächer, ein verurteilter Verbrecher, bekehrte sich noch am Kreuz. Einer der Soldaten, die ja mit Jesu ihren Spott trieben, bekannte Jesu’ Gottheit nach der Kreuzigung. Petrus verleugnet den Herrn in jener Nacht dreimal, und wird doch von Jesus nachher aufgefordert, seine Herde zu führen. Die mutlosen Jünger werden bald mutvoll in die ganze Welt ausgesandt, um von der Auferstehung zu berichten. Aus dem Volk, das Jesu’ Kreuzigung gefordert hatte, ließen sich zu Pfingsten und danach viele taufen.

Einzig über den römischen Statthalter und die verantwortlichen Hohepriester weiß die Schrift kein Bekehrungserlebnis zu berichten; freilich gibt es eine ostkirchliche Tradition einer solchen. All den Beispielen ist gemeinsam, dass sich die Betroffenen schließlich von Jesus anrühren ließen, dass sie nachdenklich geworden sind, ihr eigenes Handeln neu bewertet haben.

Jesus betet am Kreuz, in der dunkelsten Stunde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Als sie aber wussten, was sie getan hatten, bekehrten sie sich. Wer aber weiß und sich nicht bekehrt —

Das bringt mich noch zu einem kurzen Gedanken. Mit Kreuzigung und Auferstehung ist auch die Symbolik des Jüngsten Gerichts verwoben, wenn Recht und Gerechtigkeit wieder eins werden. Dieses Gericht wurde lange nicht unbedingt als Drohung empfunden, sondern als erlösendes Versprechen angesichts des Ungerechtigkeit in der Welt. Diese Ungerechtigkeit kann man aber nicht durch noch mehr Ungerechtigkeit bekämpfen.

Im 1. Petrusbrief heißt es: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter.“ Denn so heißt es schon bei Jesus Sirach: „Wer sich rächt, an dem rächt sich der Herr; dessen Sünden behält er im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. Der Mensch verharrt im Zorn gegen den andern, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen?“

Jesus durchbricht die Spirale der sich gegenseitig steigernden Gehässigkeiten und Ungerechtigkeiten. Und er lädt zu einem Gericht, das alle Ungerechtigkeit beseitigen wird. „Herrlich ist das für all seine Frommen.“ (Ps 149,9)

Es kommt der König der Herrlichkeit

Nach Wochen des Weges kommen wir nun, am Beginn der letzten Woche der Fastenzeit, endlich nach Jerusalem. Das Ziel scheint erreicht, Zeit für ein großes Fest, eine große Freude. Im Matthäus-Evangelium wird berichtet: „Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“

Je nach Dauer der Palmprozession können nun die Psalmen 23 (masoretisch 24) und 46 (47) gebetet werden, in denen der Einzug des Herrn in sein Heiligtum gepriesen, und Gott als König aller Völker gefeiert wird. Aus Psalm 23 stammen etwa die berühmten Worte:

Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr, stark und gewaltig, der Herr, mächtig im Kampf.
Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit.

Jesus wird als Sohn Davids gefeiert, als Angehöriger des Königshauses, der kommt „im Namen des Herrn“, und nun in seiner Stadt einzieht. Beim Prophet Jesaja und anderen kann man schon nachlesen, dass der Gesandte Gottes nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen werden wird. Man musste freilich kein Prophet sein, um Konflikte mit den Mächtigen in Jerusalem vorherzusagen, Wunder hin, Vollmacht her. Auch Jesus selbst weiß darum, weswegen er seine Jünger schon vor dem Einzug in Jerusalem immer wieder darauf vorbereitet.

Und so wird es aus dem prächtigen Einzug des „Königs der Herrlichkeit“ bald ein bitterer Leidensweg. Dass sich an dessen Ende dieser Jesus als ein ganz besonderer „König der Herrlichkeit“ erweisen sollte, der den Tod selbst besiegt — das ahnt am Palmsonntag wohl kaum jemand.