Paris um 1735: Hörbar lebendig, lieblich, lärmend

Paris im 18. Jahrhundert: Das war, wie alle anderen großen Städte, ein lauter, geschäftiger Ort. Darin waren sich schon die Zeitgenossen einig. Wie laut, das versucht Mylène Perdoen zu rekonstruieren.

Die französische Wissenschaftlerin leitet das Projekt „Bretez“, benannt nach einem französischen Kartographen, der von 1734 bis 1736 einen detaillierten Plan der Stadt Paris im Auftrag des Stadtvorstehers Michel-Étienne Turgot erstellte, den sogenannten Plan de Turgot.

Dieser Plan war der Ausgangspunkt, von dem aus ein ganzes Team von Historikern, Soziologen und Graphikern die Geräusche des Grand Châtelet-Viertels um 1735 wieder zum Leben erwecken wollte. Zusätzlich zur Karte wurden historische Bilder und Stiche zu Rate gezogen, Hauspläne und Baubeschreibungen, zeitgenössische Schriftsteller und Archive.

Für den Ton wurden Geräusche von Maschinen und Gerätschaften der damaligen Art aufgenommen, vom Webstuhl bis zur Druckpresse; auch der Tiere, mit denen man zu rechnen hätte, wie Möwen und Fliegen. Lediglich der Ton der Wasserpumpe von Notre-Dame musste digital mit Hilfe einer alten Wassermühle digital rekonstruiert werden, da keine vergleichbare Pumpe gefunden werden konnte.

Es sind natürlich auch Menschen zu hören. So die fahrenden Händler mit ihrem berühmten „Pariser Schrei“, die Handwerker, die im Tageslicht arbeiten, Priester, die vorbeieilen, um jemandem die Sterbesakramente spenden, königliche Beamte und viele mehr.

Technisch war das Projekt sehr anspruchsvoll. So wurde die Umgebung, von der Anlage und Bauart eines Hauses bis zur Straßenbreite, berücksichtigt, um die Verbreitung und Hörbarkeit des Schalls richtig zu modellieren.

Einen interessanten Bericht kann man auf den Seiten des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) lesen. Das Projekt „Bretez“ findet unter dem Dach des CNRS statt.

Wenn Trump eine Frau wäre …

Worton und Embry proben ihre Rollen. Quelle: NYU

Worton und Embry proben ihre Rollen. Quelle: NYU

Normalerweise hüte ich mich vor der medialen Trumpmanie, auch als Trump Derangement Syndrome bezeichnet. Doch diese Geschichte ist wirklich interessant: Eine Professorin an der New York University, Maria Guadalupe, hatte die Idee, Teile der Präsidentschaftsdebatten zwischen Hillary Clinton und Donald Trump mit vertauschten Rollen nachzustellen: Eine Frau würde mit Trumps Worten und Gestik gegen einen Mann antreten, der in die Rolle Clintons schlüpfen würde.

In zwei ausverkauften Vorstellungen traten also zwei Uni-Kollegen und Schauspieler gegeneinader an: Rachel Tuggle Worton als weiblicher Donald Trump unter dem Namen „Brendan King“, Daryl Embry als männliche Hillary Clinton unter dem Namen „Jonathan Gordon“. Beide hatten nicht bloß die Worte memoriert, sondern Tonfall, Gestik und Mimik zu imitieren versucht. Vor und nach der Vorstellung wurden die Zuschauer, überwiegend aus dem Umfeld der Universität und zum allergrößten Teil Clintonwähler, um ihre Beobachtungen zu den echten und den nachgestellten Debatten gebeten.

Die Erwartung von Guadalupe war, dass der männliche Clinton als überzeugend wahrgenommen würde und der weibliche Trump als nicht auszuhalten, weil bei einer Frau Trumps Verhalten nicht geduldet würde. Es kam aber anders: Viele Zuschauer hielten den weiblichen Trump für überzeugender als den echten. Die einfache, verständliche Ausdrucksweise wurde positiv wahrgenommen, während die männliche Clinton als eher uninteressant und langweilig empfunden wurde und durch ihr Dauerlächeln Aggressionen hervorrief.

Für die Macher war es ein Schock, ihre eigenen Stereotypen („Clinton hätte als Mann sicher gewonnen …“) so widerlegt zu sehen. Freilich ist zu bedenken, dass die Zuschauer die Vorstellung der beiden Schauspieler wahrscheinlich offener aufgenommen haben als die echten Debatten, bei denen die eigene Beurteilung durch die gefestigte Einstellung zu den beiden Kandidaten geprägt war.

Ein Ausschnitt aus den Proben:

(über Marginal Revolution)

Georg Christoph Wagenseil: Zum 240. Todestag des Komponisten

Georg Christoph Wagenseil starb vor 240 Jahren am 1. März 1777 in Wien. Er war zu Lebzeiten ein überaus geschätzter Komponist; mit des Wiederentdeckung der Musik des Barocks und Rokoko in den letzten Jahrzehnten kehren auch seine Werke ab und zu in den Konzertsaal zurück. Hier z.B. eine spritzige Symphonie in G-Dur:

Wie das Österreichische Musiklexikon berichtet, war der 1717 geborene Wagenseil Schüler beim langjährigen Organisten der Wiener Michaelerkirche, Johann Adam Wöger, bei Matteo Palotta, einem italienischstämmigen Komponisten vorwiegend geistlicher Musik, und beim damaligen Titanen der Wiener Musik, Hofkapellmeister Johann Joseph Fux. Fux war auch einer der führenden Musiktheoretiker seiner Zeit; sein Lehrbuch „Gradus ad Parnassum“ wird auch heute gelesen und rezipiert.

Die gute Ausbildung machte sich bezahlt. 1739 wurde er Hofkomponist, bald unterrichtete er auch die Kinder Maria Theresias; damals gehörte zum guten Klavierunterricht immer auch eine Schulung in Improvisation und etwas Kompositionslehre. Für diese Kombination war er prädestiniert. Er wirkte als Lehrer vieler aufstrebender Musiker, und andere verwendeten seine Werke zum Unterricht. So Leopold Mozart, der z.B. in Nannerls Notenbuch ein Scherzo von Wagenseil aufgenommen hat, und auch sonst Stücke des Hofkomponisten üben ließ.

Daher konnte der kleine Wolfgang Amadeus Mozart bei seinem Auftritt vor Kaiserin Maria Theresia1 ein Stück von Wagenseil vorspielen, und der Komponist selbst half dem Knaben beim Umblättern der Seiten. Auch in London spielte der kleine Mozart Musik von Wagenseil bei seinem Auftritt vor dem König.

Auf Grund fortschreitender Gicht musste Wagenseil sich 1764 aus den Hofdiensten zurückziehen, wobei er aber weiter eine großzügige Dotation erhielt. Er blieb bis zum Tode musikalisch und pädagogisch aktiv, sofern es eben seine Erkrankung zuließ.

Als Hofkomponist konnte er sein Können an einer große Bandbreite von Musikstücken beweisen, von intimen Triosonaten bis zu Opern, von der Klaviersonate bis zu 100 Symphonien2, auch Kantaten und Messen durften nicht fehlen. Leider ist der Großteil seiner Werke nie gedruckt worden. Einiges kann man hier bei IMSLP entdecken.

Zum Ausklang noch ein Streichtrio von Wagenseil, das doch ganz anders als die obige Symphonie daherkommt:


  1. Für die Besserwisser: Sie selbst ließ sich auf Inschriften nach der Kaiserkrönung ihres Gatten als Imperatrix, „Kaiserin“, bezeichnen (So z.B. auf der Umschrift des Maria-Theresien-Talers). Also dürfen wir es ruhig auch. 
  2. Die Zahl variiert je nach Beurteilung zweifelhafter bzw. zugeschriebener Symphonien. 

Blackberry KEYone: Das Comeback des QWERTZ-Handys

Blackberry KEYone (Pressephoto)

Blackberry KEYone (Pressephoto)

Langjährige Leser meines Blogs kennen meine Liebe für Handys mit Schreibmaschinen-Tastatur. Eine seltene Spezies, die nun wieder einen interessanten Nachwuchs erfahren hat: Blackberrys Kooperation mit dem großen Smartphone-Produzenten TCL hat mit dem Blackberry KEYone vielversprechende Früchte getragen. TCL hat in Wahrheit schon die letzten beiden Blackberry-Geräte entwickelt und wird nun selbst offiziell zum Entwickler und Hersteller, wie es bei den sogenannten „Alcatel“-Handys schon länger der Fall ist.

Vorweg: Das KEYone ist, wie schon die letzten drei Blackberry-Geräte, ein Android-Handy. Es läuft mit der neuesten Android-Version, womit sich Blackberry einiges an Entwicklungskosten spart. Statt eines kompletten Betriebssystems plus einer Android-Kompatibilitätsbox wie beim — meiner Meinung nach exzellenten! — „Blackberry 10“ müssen nur noch diejenigen Programme entwickelt werden, die für die Kernkompetenzen von Blackberry notwendig sind: Rasche, effiziente Kommunikation und hohe Sicherheit. So die Nachrichtenzentrale Blackberry Hub, das Sicherheitsprogramm DTEK oder die fortgeschrittene Einbindung der Tastatur zur Steuerung eines Android-Systems. Die Hardware stammt von TCL, wurde aber mit Blackberry koordiniert.

Dazu gibt es eine Tastatur, die gleichzeitig als Trackpad wie am Notebook zur Steuerung verwendet werden kann und nach ersten Berichten dem gewohnten Blackberry-Standard entspricht. Besonderer Wert wurde offenbar auf eine lange Betriebsdauer gelegt. Nicht das schlankste Gerät aller Zeiten wurde da kreiert, sondern eines mit achtbarer Akkugröße (3505 mAH — ein iPhone 7 hat gerade einmal 1960 mAH), einem sehr energieeffizienten Mainboard und einem Schelllademodus.

Das Smartphone ist rundum ausgestattet, von der 3,5mm-Kopfhöherbuchse bis zu Bluetooth 4.2 und USB-On-The-Go, mit dem man sogar externe Festplatten und andere USB-Geräte an den Blackberry anschließen könnte, es hat Platz für eine microSD-Speicherkarte (bis zu 2 Terabyte große Karten könnten theoretisch verwendet werden) und verfügt über einen 4,5-Zoll-Bildschirm mit 1620×1080 Bildpunkten Auflösung.

Ob die Kamera hält, was sie verspricht, müssen erst die Tester herausfinden. Der Preis verspricht leider hoch zu werden. Für die Markteinführung werden € 599 avisiert. Allerdings: Blackberry erstes Android-Handy, der Blackberry Priv, hat anfangs in Österreich 800 Euro gekostet und ist nun um die Hälfte zu haben. Wer ein wenig Geduld hat, wird sich wohl ein wenig Geld sparen können.

Mehr Infos gibt es beim Hersteller auf www.blackberrymobile.com. Erste Eindrücke vermittelt das bekannte Handyportal GSMArena. Die Blackberry-Nachrichtenseite Crackberry bietet ein Video der Vorstellung auf dem Mobile World Congress in Barcelona und auch sonst einige Meldungen dazu. Es ist halt, na ja, nicht die kritischste Seite, was Blackberry betrifft.

Von österreichischen Berichten über das neue Handy muss ich vorerst eher abraten. Wie ein kürzlich kursierende Artikel über Marktanteile am Smartphone-Markt verraten hat, können österreichische Qualitätsmedien nicht einmal Hersteller und Betriebssystem auseinanderhalten.

Licht ist eigentlich ganz schön langsam

Wie lange braucht eigentlich ein Photon, das von der Sonne ausgestrahlt wird, bis zur Erde und darüber hinaus? Wie schnell ist eigentlich Lichtgeschwindigkeit? Das kann man alles berechnen und nachschauen – so beträgt die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Licht im Vakuum 299,792.458 Meter in der Sekunde. Der Mensch ist aber sein Sinnenwesen, und so kann man die gleichen Fragestellungen vielleicht mit folgender Animation besser verfolgen, die einem Photon auf seinem Weg bis zum Jupiter folgt:

Man sei vorgewarnt: Auf der 45-Minuten-Reise sieht man hauptsächlich – nichts. Nein, ganz so schlimm ist es nicht, aber man bekommt ein Gefühl für die Leere des Weltalls und die Distanzen, die die einzelnen Objekte trennen.

Hinter dem schon 2015 entstandenen Film Riding Light steht Alphonse Swinehart, der schon viele Werbungen, Filmvor- und abspänne konzipiert und animiert hat. Z.B. war er in der Bewerbung von Windows 7 tätig, für den Katastrophenilm „San Andreas“ oder die BBC-Serie „The Honourable Woman“. Für die Musik griff Swinehart auf den Minimalisten Steve Reich zurück — ein Sound, den man von Animationen dieser Art durchaus kennt.

Puristen werden bemerken, dass sich Swinehart einige Freiheiten herausgenommen hat, damit ein nachvollziehbarer Film entsteht – beispielsweise bezüglich der Stellung der Planeten, die normalerweise nicht so schon aufgefädelt sind. Aber ganz ehrlich: Der Mann versteht sein Geschäft.

(via kottke.org)

Lichtmess: Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Seite aus einem Missale. Druck: Franz Renner, Venedig 1481.

Am 2. Februar wird in der Kirche ein Fest gefeiert, das traditionell „Maria Lichtmess“ genannt wird und zwei Festgeheimnisse kennt: die „Darstellung des Herrn“ im Tempel und die „Reinigung Mariens“, beides Handlungen, die durch das jüdische Gesetz vorgeschrieben waren.

Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts des Festtags habe ich hier schon einmal versucht. Wunderbar auch die Lichtmesspredigt des Beda Venerabilis, deren Thema in vielen Predigten zu Lichtmess variiert wurde: Die makellose Mutter geht zur Reinigung, der Quell der Heiligkeit selbst lässt sich im Tempel präsentieren. Beide unterwerfen sich demütig dem Gesetz.

Früher war an diesem Fest ein Graduale vorgesehen, also ein Gesang nach der Lesung, in dem an diesem Tag der Eröffnungsvers wieder aufgenommen und erweitert wurde. Die im Introitus verwendeten Verse 10 und 11 aus Psalm 47 werden durch Vers 9 und einen zusammenfassenden Vers zur Begegnung mit Simeon ergänzt1, in der Praxis vieler Jahrhunderte ist es dabei mit dem folgenden Halleluja und einer Sequenz verschmolzen:

Missale Romanum Übersetzung
Suscepimus Deus misericordiam tuam in medio templi tui. secundum nomen tuum Deus ita et laus tua in fines terræ. Wir haben, Gott, Deine Barmherzigkeit inmitten Deines Tempels auf uns genommen. Entsprechend Deinem Namen, Gott, so ist auch Dein Lob bis an die Enden der Erde.
Sicut audivimus, ita et vidimus in civitate Dei nostri, in monte sancto eius. So, wie wir gehört haben, so haben wir es auch gesehen in der Stadt unseres Gottes, auf seinem heiligen Berg.
Alleluia, alleluia! Halleluja, halleluja!
Senex Puerum portabat; puer autem senem regebat. Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.
Alleluia! Halleluja!
Post Partum Virgo inviolata permansisti. Dei Genitrix, intercede pro nobis. Nach der Geburt bleibst Du unversehrte Jungfrau. Mutter Gottes, bitte für uns!

„Der Greis trug den Knaben; der Knabe aber lenkte den Greis.“ Wieder eine der scheinbaren Paradoxien dieses Festes! Ein kleines, mehrere Wochen altes Kind, völlig angewiesen auf die sorgenden Eltern, das sogar ein hochbetagter Mensch wie Simeon ohne Probleme halten könnte, ist das Heil, auf das er sein Leben lang gewartet hat. Ein kleines Kind, in dessen Hand aber die Welt ist.

Diesen wunderbaren Vers gibt es in einer leicht erweiterten Fassung und geänderten als eigene Antiphon, hier in einer Fassung von Tomás Luis de Victoria:

Für Freunde alter Musik: Vor einigen Jahre habe ich zu Maria Lichtmess die Antiphon Adorna thalamum tuum besprochen, die zur Kerzenprozession gesungen wurde.


  1. Ich folge hier dem Missale, das 1481 von Franz Renner in Venedig gedruckt wurde und hier einzusehen ist. Der Text ist aber noch im Missale von 1962 bis auf den letzten Vers gleich. Mit der Liturgiereform des Tridentinums wurden nämlich die meisten Sequenzen entfernt. 

Very British Villains

Wer US-amerikanische Filme öfter im Original gehört hat, dem wird die allgemeine Liebe zum britischen Akzent wohl schon aufgefallen sein. Insbesondere zum sogenannten „Queen’s English“. Und das ist insbesondere für zwei Arten von Personen reserviert: Raffinierte Bösewichte oder als Personifikation von Bildung, Eleganz und gutem Benehmen. Das hängt natürlich zusammen — der Bösewicht ist oft ebenfalls gebildet und elegant.

Das akademische Archiv JStor hat auf seinem Blog einen informativen Eintrag dazu, der auch allgemein darauf eingeht, wie der Dialekt und Akzent eines Sprechers unsere Einschätzung desselben maßgeblich beeinflussen. So hielt in einem Experiment der gleiche Vortragende den gleichen Vortrag einmal im Birminghamer Dialekt, einmal in der „Received Pronounciation“. Nach dem Vortrag im Dialekt wurden seine Intelligenz und der Gehalt seines Vortrags weit niedriger eingestuft als nach dem Vortrag in Received Pronounciation.

Aber zurück zu den Filmbösewichten. Ein anderer Blogger hat einige Gründe zusammengetragen, warum selbst in Disney-Zeichentrickfilmen die bösen Tiere oft einen britischen Akzent haben. Neben der Geschichte der USA selbst tragen dazu wohl noch zwei Umstände bei: Received Pronounciation klingt deutlich anders als das typische Amerikanisch, ist aber trotzdem für den amerikanischen Zuseher verständlich. Und: Niemand wird des Rassismus verdächtigt, wenn alle Bösewichte Briten sind. Das ist im politisch sensiblen Hollywood nicht zu verachten.

Zum Trost: Es gibt ja noch James Bond. Kein Bösewicht, trotzdem britisch.

Im JStor-Artikel ist ein passendes Video u.a. mit Sir Ben Kingsley eingebettet, dass so köstlich mit den Klischees jongliert, dass ich es auch gleich zeigen muss: