Wunderschön aufblühende Blumen für einen Frühlingstag, der genauso ist

Heute war ein wunderschöner, sonniger Frühlingstag. Also keine langen, gewundenen Analysen, sondern einfach einige wunderschöne, elegant sich entfaltende Blüten:

Wobei: Von wegen einfach. Jamie Scott hat drei Jahre lang unzählige Knospen und ihr Aufblühen gefilmt, und ist dabei auf einige Probleme gestoßen. So wachsen die Blumen natürlich Richtung Beleuchtung — womit er sich einige geplante Lichteffekte für die Zeitrafferaufnahmen in die Haare schmieren konnte. Und da manche der Blumen nur in einem kurzen Zeitfenster blühen, blieb oft nicht viel Zeit für Experimente, wie sie denn am besten ins Licht zu rücken seien.

Mehr über die Herausforderungen des Filmschaffenden kann man bei fstoppers.com lesen.

(Hinweis dank kottke.org)

„It’s No Game“: Wenn der Computer das Drehbuch schreibt

Schon in der Commedia dell’arte wurden für Theaterstücke gleichsam Kochrezepte verwendet, in denen beschrieben wurde, wie die immer gleichen Versatzstücke raffiniert neu kombiniert werden konnten. Und wenn es im deutschen Sprachraum auch nicht gerne zugegeben wird: Das Schreiben von Drehbüchern oder Theaterstücken ist zu einem guten Teil Handwerk. Das kann man lernen, und wenn man es nicht gelernt hat, merkt man das leider auch recht schnell.

Kann man aber den handwerklichen Teil vielleicht auf ein Computerprogramm auslagern? Eine sogenannte Künstliche Intelligenz? Also ein Computersystem, mit dem Aufgabenstellungen gelöst werden soll, „die, wenn sie vom Menschen gelöst werden, Intelligenz erfordern.“ So zumindest das Gabler Wirtschaftslexikon.

Hasselhoff als „Hoffbot“

Das wollten auch Oscar Sharp und Ross Goodwin wissen, der erstere Filmschaffender, der andere ein KI-Forscher. Nach ihrem ersten Kurzfilm „Sunspring“ haben sie sich nun mit „It’s No Game“ neuerlich in das Feld computergenerierter Drehbücher begeben, wie Ars Technica ausführlich berichtet.

Die Handlung ist selbstreferentiell: Im Zuge eines Streiks der Drehbuchautoren beschließt eine Filmfirma, von künstlichen Intelligenzen geschriebene Drehbücher zu verwenden und Schauspieler mit Nanobots (!) so umzuprogrammieren, dass sie die Texte der KI direkt von sich geben. Das ganze eskaliert natürlich.

Dabei konnten sie mit David Hasselhoff einen bekannten Darsteller als Gesicht für ihren Film gewinnen: Er spielt einen der von Nanobot übernommenen Schauspieler, einen „Hoffbot“, der von einer Künstlichen Intelligenz generierte Sätze sprechen muss, und in seinem Innern offenbar dagegen ankämpft.

Ein neuronales Netzwerk als Drehbuchautor

Die Handlung ist von den Filmschaffenden selbst entworfen, doch wurden die Dialoge der „umprogrammierten Schauspieler“ mit Hilfe eines rückgekoppelten neutronalen Netzes des „Long short-term memory“-Typs mit Namen „Benjamin“ geschrieben. Das Programm wurde mit Texten bestimmter Genres gespeist, lernte dadurch gewisse Muster in diesen Texten zu erkennen und generierte dann neue Texte, die diesen Mustern entsprechen sollten. Allerdings kommt dabei selten sinnvoller Text heraus. Er klingt aber ziemlich bedeutungsschwer, für Art-House-Kino also vollaus genügend.

Menschliche Kommunikation ist offenbar immer noch schwer nachzubilden. Und bis eine Künstliche Intelligenz ein Drehbuchgerüst so füllen kann, wie Darsteller der Commedia dell’arte lose Handlungsanweisungen improvisierend mit Leben füllen, vergeht offenbar noch einige Zeit. Je formelhafter aber das Genre, desto eher kann aber damit gerechnet werden, dass bald Künstliche Intelligenz als Hilfsmittel für Drehbuchautoren eingesetzt werden kann.

Und für die klassischen Dialoge von Herbert Reinecker hätte es vielleicht jetzt schon gereicht. „Erschossen?“ — „Ja, erschossen. Tod.“ — „Tod. Erschossen!?“

Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn

Eskapismus ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Gerade, wenn alles nicht so rund läuft, sind ein paar Glücksgefühle bitter notwendig, damit man das Leben weiter meistern kann. Ein Lied, das sich mit der Balance zwischen Eskapismus und Realität auf eigene Art beschäftigt, ist „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“ aus dem deutschen Spielfilm „Glückskinder“.

In der folgenden Szene tanzen und singen Lilian Harvey und Willy Fritsch, das Traumpaar des deutschen Films der Dreißiger Jahre, mit Paul Kemp und Oskar Sima, in einer spritzigen Nummer, in der es nicht nur um Hendln, sondern sogar um Gleichberechtigung, Mickey Mouse und Clark Gable geht.

„Glückskinder“ ist der gelungene Versuch einer deutschen Screwball-Komödie, die sich an den Hollywood-Streifen (Fünffacher Oscargewinner!) „Es geschah in einer Nacht“ anlehnt — und diese Anlehnung selbst humorvoll zur Schau stellt. So wird im Film zweimal Clark Gable bemüht, der ja der Hauptdarsteller von „Es geschah in einer Nacht“ war. Mehr zum Film kann man bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung lesen, die erst kürzlich eine sorgsam restaurierte Fassung von „Glückskinder“ veröffentlicht hat.

Der Film ist einer der letzten Ausläufer des beschwingten, mitunter auch frechen Tonfilms der Weimarer Republik. Obwohl viele der erfolgreichen deutschen Komponisten 1936, im Entstehungsjahr des Films, bereits von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt waren oder emigrieren mussten, konnte mit Peter Kreuder ein Tonkünstler verpflichtet werden, der echte Ohrwürmer für den Film schrieb. (Er emigrierte 1940 ebenfalls; 1942 wurde er zur Rückkehr gezwungen.)

Sacré Charlemagne

Am 2. April 747, vor 1270 Jahren, soll Karl der Große das Licht der Welt erblickt haben. Man kann die Bedeutung des ersten abendländischen Kaisers des Mittelalters gar nicht überschätzen. Die von ihm geförderte Karolingische Renaissance hatte für die Überlieferung antiker Texte, der Wiederentdeckung der Bildung, für die Liturgie, unsere Feier- und Kalenderkultur und vieles mehr eine eminente Bedeutung. Die Vereinigung weiter Teile Europas schuf einen Ideenraum, der auch in den folgenden Jahrhunderten wirkmächtig werden sollte.

Freilich gibt es so manchen Schüler, der Karl dem Großen immer noch wegen seiner Förderung der Erziehung und der Einrichtung von Schulen grollen mag. Und so fragt die junge France Gall 1965, wer die verrückte Idee gehabt habe, die Schule zu erfinden — und findet eine Antwort: „Sacré Charlemagne“. Ein nettes Wortspiel, weil es entweder „heiliger Karl der Große“ oder „verdammter Karl der Große“ bedeuten mag. Das Lied beginnt bei 00:41.

5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt 

Ein paar Takte Rostropowitsch

Vorgestern, am 27. März, hätte der große Cellist, Dirigent, Komponist und noch vieles mehr Mstislaw Rostopowitsch seinen 90. Geburtstag gefeiert, Ende April ist sein 10. Todestag. In diesem Artikel zu seinem 80. Geburtstag in der Welt erfährt man mehr über diesen mutigen Musiker, der z.B. Alexander Solschenizyn Unterschlupf gewährte, als dieser vom Sowjet-Regime heftigen Repressalien ausgesetzt war.

Rostropowitsch wird übereinstimmend als einer der größten Cellisten bezeichnet, der noch dazu ein weites Repertoire von der Klassik bis zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts erforschte, beherrschte und zum Teil erst schuf: Viele Komponisten widmeten ihm eigene Cello-Stücke, in denen dieses ausdrucksstarke Instrument seine Saiten ausspielen konnte.

Statt großer Worte lasse ich aber lieber Rostropowitsch selber sprechen: In Tschaikowskys Variationen über ein Rokoko-Thema mit Benjamin Britten (!) als Dirigenten.

Rostropowitsch war übrigens durchaus selbstkritisch. So hörte er auf, Elgars Cellokonzert zu spielen, als er Jacqueline du Prés Interpretation hörte: Nach eigener Einschätzung konnte sie es viel besser spielen, da sie den richtigen Zugang gefunden hätte.

4. Sonntag der Fastenzeit: Seid fröhlich zusammen mit ihr!

Missale Salisburgensis

Missale Salisburgensis

Der 4. Sonntag der Fastenzeit heißt bekanntlich Sonntag „Laetare“ und lässt Ostern schon vorleuchten, wie schon an den rosafarbenen Paramenten erkennbar sein kann, sofern man welche hat. Die Halbzeit der Quadragesima, der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern, ist geschafft, das Ziel rückt näher. Das hört man auch im Introitus, der in der deutschen Übersetzung des Messbuchs allerdings etwas verstümmelt ist:

Introitus (Js 66, 10-11; Ps 121,1)1 Eingangsvers2
Laetare, Ierusalem, Freue dich, Stadt Jerusalem!
et convetum facite, omnes qui diligitis eam; Seid fröhlich zusammen mit ihr,
gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis, alle, die ihr traurig wart.
ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.
Lætatus sum in his, quæ dicta sunt mihi: (Ich freute mich, als man mir sagte:
in domum Domini ibimus. „Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“)

Der Eingangsvers lautet in der Einheitsübersetzung etwas anders:

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!

Das Sprachbild der mater lactans war wohl den Übersetzern der deutschen Ausgabe — im Unterschied zum Vatikan und den Übersetzern anderer Sprachen — zu gewagt. Schade, denn hier wird die tröstende Verheißung des neuen Jerusalem wortgewaltig spürbar. Nach der Trauer, die uns oft in dieser Welt überkommt, ist uns im Bild des „neuen Jerusalem“ (Offb 21,10-27) ein Zeichen dafür gegeben, welche Fülle uns Jesus schenken will. Eine Fülle, gegenüber der wir wie ein Kind sind, das von seinen Eltern umsorgt und getröstet wird.

Traditionell wurde an diesem Sonntag die wunderbare Brotvermehrung nach Johannes gelesen. Diese Perikope bot sich aus mehreren Gründen an: Gleich zu Beginn vermerkt der Evangelist, dass das Paschafest nahe war. Wie aus den fünf Broten und zwei Fischen mehr als genug für die große Menschenmenge wird, so schenkt Jesus die Fülle des Lebens. Die Brotteilung weist zudem auf die Eucharistie voraus. Schließlich zieht sich Jesus zurück, als er ahnt, dass ihn die Menschen zum irdischen König machen wollen — eine Vorahnung der Geschehnisse am Palmsonntag und ihrer bitteren Konsequenz.

So entsprachen sich Eingangsvers und Evangelium im Hinweis auf die verheißene Fülle des Lebens. Entsprechend wurde als Epistel ein Abschnitt aus dem Galaterbrief gelesen, der ebenso auf das himmlische Jerusalem bezugnimmt: „Das himmlische Jerusalem aber ist frei, und dieses Jerusalem ist unsere Mutter.“

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, doch auch eine Zeit der Vorfreude. In diesem Fall ist Vorfreude zwar nicht die schönste Freude, aber ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird.


  1. Nach dem Missale Salisburgense, Wien 1510. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt.