Drozda oder der Platz der Geschichtslosen

Warum nur will Kulturminister Thomas Drozda unbedingt den Heldenplatz in „Platz der Republik“ oder ähnliches umbenennen? Warum findet der zuständige Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny diese Idee begrüßenswert, statt darüber stillschweigend hinwegzusehen?

Die Antwort ist im Grunde recht simpel: Die aktuelle rot-grüne Wiener Stadtregierung hat ein höchst problematisches Verhältnis zur Stadt Wien und ihrer Vergangenheit. Und leider auch zu ihrer Zukunft.

Im Stile von allmächtigen Regimen, die ihre Gegenspieler aus der Erinnerung auslöschen wollen, soll das Nicht-Rote Wien getilgt werden oder zumindest durch Zusatztafeln so „erklärt“, dass keine Zweifel über Gut und Böse mehr bleiben.

Auch die aktuelle Welle der Demolierung historischer Bauten, für die vor allem Planungsstadträtin Maria Vassilakou verantwortlich zeichnet, ist so verstehen. Wer dieser Vergangenheit keinen positiven Wert beimisst, ja, sie nur als Herausforderung der eigenen Ideologie begreift, ist über ihr Verschwinden ja geradezu froh. Dass „imperiale Wien“ soll einem „modernen Wien“ Platz machen, so das Credo.

Leider ist die Planung für dieses „moderne Wien“ so provinziell, dass es geradezu genant ist. Phantasielose Bauträger-Architektur wird als „Landmark“ verkauft, die Flächenwidmung zugunsten stadtnaher Investoren als „Fortschritt“. Selbst das Umwidmen und Verbauen von Grünflächen im dicht verbauten Gebiet wird als „Nachverdichtung“ schöngeredet. Von der perspektiven- und planlosen Sozial-, Wohn- und Gesundheitspolitik nicht zu reden.

Wer eine Stadt umgestalten will, bräuchte auch eine Vision. Man kann etwa über den früheren Bürgermeister Helmut Zilk geteilter Meinung sein, doch unter seien Ägide wurden mehrere Entscheidungen zum Stadtbild und zum Umgang mit der Stadtgeschichte getroffen, die für internationales Aufsehen im besten Sinne gesorgt haben. Sein Nachfolger hat in über 20 Jahren als Bürgermeister zwar Unmengen an verbauter Fläche zu verantworten, doch nichts geschaffen, das Wien nachhaltig positiv verändert hätte. Stattdessen bleibt es bei Sprechblasen, mutwilliger Zerstörung des Gewachsenen und Ausblendung gegenläufiger Narrative. Geschichtslos und Zukunftslos.

Salomon Ritter von Mosenthal: Ein erfolgreich vergessener Dramatiker

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)


Wer kennt heute noch Salomon Hermann Ritter von Mosenthal (*1821 † 1877)? Träger des Franz-Josephs-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone, Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, im 19. Jahrhundert einer der international erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. 140 Jahre nach seinem Tod ist der einst vielgespielte Dichter weitgehend vergessen. Und doch ist er immer noch auf den Bühnen präsent, denn das Libretto der „Lustigen Weiber von Windsor“ stammt aus seiner Feder. Dieses von Otto Nicolai, dem Gründer der Wiener Philharmoniker, vertonte Werk erfreut sich weiterhin einiger Beliebtheit auch über den deutschen Sprachraum hinaus, wie man etwa der Operabase entnehmen kann.

Und noch ein zweites Werk wird wieder öfter gelesen, seine „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben“. Diese schöpfen aus den Erinnerungen an seiner Kinder- und Jugendzeit in Kassel und schildern kleine und größere Begebenheiten in einer eingängigen Sprache. Mosenthal wendet sich dabei an Nichtjuden, sodass man auch ohne tiefere Kenntnisse des Judentums die Geschichten lesen kannm, und hat mit diesen schon zu seiner Zeit gut aufgenommenem Buch ein wertvolles Zeugnis jüdischer Lebensart in den Kleinstädten hinterlassen. Der Wallstein-Verlag hat dieses Buch 2001 dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Der jüdische Literat und Dramatiker stammte aus einer verarmten Kaufmannsfamilie. „Er hat sich aus kümmerlichen Verhältnissen heraufgearbeitet“, beschrieb es der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick nicht ohne Wohlwollen. Trotz der Armut konnte er auf Initiative der Mutter hin das Gymnasium in seiner Geburtsstadt Kassel besuchen, später auch das polytechnische Institut Karlsruhe, den Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Schon als Schüler versuchte er sich schriftstellerisch, wie uns das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreichs blumig wissen lässt:

Bereits als Gymnasialschüler dichtete er, und diese Erstlinge seiner Muse hat M. in die später erschienene Sammlung seiner Gedichte als „Primula veris“ aufgenommen. Als Zögling des Karlsruher Polytechnicums kam er mit mehreren Sängern der schwäbischen Schule, mit Justinus Kerner und Gustav Schwab, in nähere Berührung, so daß es dem strebsamen talentvollen Jünglinge auf der betretenen poetischen Bahn an Ermunterung nicht fehlte; auch öffneten ihm zwei der besten schöngeistigen Blätter jener Periode, Dingelstedt’s „Salon“ und Lewald’s „Europa“, ihre Spalten, und eine in letzterer anonym abgedruckte Novelle: „Die kleine Amaryll [!] und der blonde Ruprecht“, welche des damals in Athen lebenden Dichters Geibel Interesse erweckte, bildete den Anknüpfungspunct späterer freundlicher Beziehungen zwischen beiden Poeten.

Die genannte Novelle des 19jährigen, die in Wahrheit „Die schöne Almaril und der blonde Rupprecht“ heißt, kann man dank Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek heute wieder recht einfach lesen.

Mehr Schöngeist denn Techniker, verließ Mosenthal das Polytechnikum und kam 1841/42 als Erzieher im Hause Goldschmidt nach Wien. Dort knüpfte er bald wieder Kontakte zu Schriftstellern, glänzte in kleinerem Rahmen durch Gedichte und andere Werke und bekam schließlich die Gelegenheit, für Otto Nicolai Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ für ein Libretto einzurichten und im Theater an der Wien sein Bühnenstück „Der Holländer Michel“ zu platzieren. Seine Arbeit wurde geschätzt, und er konnte in rascher Folge weitere Theatererfolge feiern.

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

Dabei ist besonders das Volksstück „Deborah“ hervorzuheben. Am Burgtheater zuerst abgelehnt, wurde das Drama um eine vor Pogromen fliehende, neuerlich in eine gefährliche Situation geratende Jüdin Deborah von Hamburg ausgehend ein durchschlagender internationaler Erfolg. Mosenthal gelang eine Figurenzeichnung und Handlungsführung, die beim überwiegend nichtjüdischen Publikum Anteilnahme und Interesse für die Situation der Minderheit wecken konnte. Das Stück wurde in New York und Kapstadt gespielt, in Russland und Frankreich, wie das Biographische Lexikon festhält. Auch „Deborah“ ist übrigens im Wallstein-Verlag neu aufgelegt worden.

Mosenthal verfasste mehrere Opernlibretti, wofür ihm besonderes Geschick attestiert wurde. „Die lustigen Weiber“ wurden schon erwähnt. Es sei auch „Die Königin von Saba“ genannt, deren Buch er für Karl Goldmark schrieb. Die Oper war bis zur NS-Zeit auf den Spielplänen präsent, wurde durch deren Kulturpolitik aber offenbar erfolgreich aus dem Opernleben getilgt. In Budapest gibt es übrigens von 18. bzw. 20. Mai 2017 eine der seltenen Gelegenheiten, das Werk zu sehen — da Goldmark ein Ungar war, wird sein Erbe dort noch gepflegt. Die Aufführung erfolgt in deutscher Sprache mit ungarischen Übertiteln. Auch das „Goldene Kreuz“, zu dem Mosenthal das Libretto und Ignaz Brüll die Musik schrieb, war ein großer Erfolg.

Obwohl aus Kassel, erwies er sich übrigens als echter österreichischer Autor, indem er ab 1850 im Staatsdienst arbeitete. Nämlich im Unterrichtsministerium, wo er 1864 die Leitung der Bibliothek übernehmen durfte und im Laufe seiner Karriere zum Regierungsrat befördert wurde. Dass das Ministerium für Unterricht und Kultus den Juden Mosenthal eine Stelle gab, war durchaus eine kleine Sensation, wie das Biographische Lexikon vermerkte, und zeigt, welche Wertschätzung seine Arbeit damals genoß. Damit konnte er wohl auch seiner Frau Lina die nötige Sicherheit bieten, so dass er 1851 heiraten konnte. Die von ihm überaus geliebte Gattin verstarb überraschend 1862; diesen Schmerz hat er nicht mehr überwunden und blieb alleinstehender Witwer, wie Eduard Hanslick eindrücklich schildert: Offenbar flüchtete er sich u.a. in übermäßigen Zigarettenkonsum, da er sich dann nicht allein vorgekommen sei.

Mosenthal starb mit 56 Jahren. Sein Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1885 schließt daher eindringlich: „Manches konnte man von M. noch erwarten, seine Laufbahn war nicht durchmessen, er ist vorzeitig abberufen worden.“

Seine Zeitgenossen hatten sogar noch mehr erhofft — wir müssen erst wieder entdecken, was der effektvolle Dramatiker und Librettist hinterlassen hat.

Die Bestseller der Vergangenheit

Wie gut sind die erfolgreichen Romane der Vergangenheit gealtert? Dieser Frage stellt sich Linda Aragoni in ihrem Projekt „Great Penformances“. Darin nimmt sie sich die Jahresbestseller der USA von 1900 bis 1969 vor, wie sie im Branchenblatt „Publisher’s Weekly“ veröffentlicht wurden. Insgesamt wohl rund 800 Romane1.

Ihre kurzen, natürlich sehr subjektiven Buchkritiken machen tatsächlich Lust, sich mehr mit den Erfolgsbüchern vergangener Tage zu beschäftigen. Darunter ab und zu ein noch heute bekanntes Werk wie „Im Westen nichts Neues“, „Vom Winde verweht“ oder „Der Pate“. Und dazwischen vieles, das im Wesentlichen vergessen ist. Das sind sie spannendsten Besprechungen!

Übrigens finden sich in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg mit Büchern von Erich Maria Remarque, Hans Fallada und Franz Werfel auch ursprünglich deutschsprachige Werke in den Bestsellerlisten. Nach dem zweiten Weltkrieg haben es nur noch vereinzelt im Original fremdsprachige Werke wie Dr. Schiwago oder Der Leopard auf die vorderen Verkaufsplätze geschafft.

Heuer wird Aragoni ihr 2007 begonnenes Projekt voraussichtlich mit den Besprechungen der Bestseller der Jahre 1907, 1917, 1927 und 1967-1969 abschließen können.

Für Österreich wäre so ein Projekt weitaus schwerer durchzuführen. Es mangelt schon einmal an entsprechend weit zurückliegenden Verkaufslisten des Buchhandels. Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg liegen als schwerer Schatten auf mehreren Jahren, die wohl auszuscheiden wären. Trotzdem wäre es nicht uninteressant, ob nicht auch im deutschsprachigen Raum etwas Ähnliches realisierbar wäre.


  1. Manche Romane waren in mehreren Jahren Jahresbestseller, weswegen die Gesamtzahl der Bücher weniger als 840 beträgt. 

Ungleichheit und ihr großer Einebner

Walter Scheidel: The Great Leveler

Walter Scheidel: The Great Leveler

Wann war die Ungleichheit in der Gesellschaft am geringsten? Dann, wenn große Katastophen wie der Schwarze Tod des 14. Jahrhunderts oder die beiden Weltkriege samt Völkermorden im 20. Jahrhundert gewütet haben. Diese These ist nicht neu, wird nun aber von Walter Scheidel von der Stanford Universität auf über 500 Seiten gründlich untermauert.

„The Great Leveler — Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century“ heißt der ambitionierte Band, also etwa „Der große Einebner — Gewalt und die Geschichte der Ungleichheit von der Steinzeit bis ins einundzwanzigste Jahrhundert.“ Aber nicht von einem Ökonomen geschrieben, den aktuelle Gleichheitsdebatten umtreiben, sondern von einem Historiker — mit dem Schwerpunkt Altertumskunde. Das hat seine Bewandtnis, wenn man Walter Scheidels Forschungsschwerpunkte betrachtet.

Der gebürtiger Wiener hat sich z.B. 1998 in Graz mit dem Thema Demographie im Römischen Reich habilitiert: „Measuring Sex, Age and Death in the Roman Empire. Explorations in Ancient Demography.“ Seither hat er sich weiter mit Demographie, aber auch dem Wirtschaftsleben des Römischen Reichs beschäftigt, mit der Finanzierung antiker Staatswesen und anderen Themenfeldern, die auch vom Thema der Einkommens- und Vermögensverteilung berührt werden.

Und dabei hat er bemerkt, dass schon in der Antike längere Zeiten halbwegs friedlicher, prosperierender Entwicklung eindeutige Konzentrationseffekte beim Wohlstand hervorgebracht haben — die etwa von der Katastrophe der Völkerwanderung wieder umgekehrt wurden. Freilich liefert er keine „große Theorie“ der Ungleichheitsentwicklung, und er prognostiziert auch nicht, wie es weitergehen wird. Gregory Clark weist in seiner Buchsprechung darauf nachdrücklich hin.

Die „Presse“ hat Scheidel schon letzten März interviewt — bevor das Buch noch erschienen ist. Darin nennt er recht nachdrücklich die großen Einebner: Massenkriege, Revolutionen, Zusammenbrüche von Zivilisationen und Seuchen. Immer aber werden nicht nur die Reichen ärmer, auch viele Arme kommen gehörig unter die Räder bzw. ins Grab.

Übrigen habe ich schon einmal ein Werk von Walter Scheidel besprochen, nämlich ORBIS, den Routenplaner fürs Römische Reich. Und das Thema der historischen Vermögens- und Einkommensverteilung war erst vor kurzem hier präsent, nämlich in einem Artikel über Alfanis Arbeit zu italienischen Vermögensdaten vom Mittelalter bis ins späte 18. Jahrhundert.

Steigt die Ungleichheit seit 700 Jahren?

Guido Alfani von der Mailänder Bocconi-Universtät hat sich selbst eine schwierige Aufgabe gestellt, nämlich Daten über die Vermögensverteilungen der vorindustriellen Zeit zusammenzutragen und zu analysieren.

In einem im Herbst veröffentlichten Artikel bei Cliometrica, „The rich in historical perspective: evidence for preindustrial Europe (ca. 1300–1800)“ präsentiert er seine Ergebnisse, die nahtlos an die Datenreihen von Thomas Piketty anschließen sollen. Eine frei zugängliche Vorversion] kann man hier lesen.

Seine Kernaussage: Von 1300 bis 1800 hätte sich Reichtum fortwährend in den Händen des reichsten Dezils konzentriert. Lediglich die große Pestepidemie des 14. Jahrhunderts hätte diesen Prozess konterkariert. Auch der Anteil derjeniger, die das zehnfache des Medianvermögens halten, sei eindeutig gestiegen.

Große Lücken, große Schlussfolgerungen

Wer sich den Artikel näher ansieht, wird aber bald feststellen, dass Alfanis Schlussfolgerungen angesichts der Datenlage mutig sind. Die Mühe, die hier in den letzten Jahren für das Zusammentragen historischer Daten verwendet wurde, ist beachtenswert. Leider wird sie von überschießenden Verallgemeinerungen überdeckt.

Die Daten stammen aus Vermögensverzeichnissen für Steuerzwecke, die in Savoyen — er nennt es „Sabaudian State“ –, dem Gebiet der Republik Florenz, des Königreichs Neapel und in Venedig angelegt wurden, und werden mit Daten aus Katalonien und den südlichen Niederlanden (Belgien) abgeglichen. Dies ist dank des EINITE Projekts möglich, bei dem unter Federführung Alfanis eine Reihe von Wissenschaftern historische Unterlagen nach einer gemeinsame Methode sichten und auswerten.

In den Daten fallen große Lücken auf:

  • Es fehlen notwendigerweise diejenigen Personen, deren Vermögen zu gering war, um besteuert zu werden.
  • Ebenso fehlt Vermögen, das keiner Besteuerung im Sinne dieser Vermögensverzeichnisse unterlag. So fehlen Lehensgüter in der Untersuchung, wie Alfani selbst zugibt. Gerade für die erste Zeit werden diese wohl von erheblicher Bedeutung gewesen sei. Dann fehlt das Eigentum kirchlicher Einrichtungen, die doch eine erhebliche ökonomische, soziale und gesellschaftliche Rolle gespielt haben. Sie boten für viele Ärmere Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, waren Bildungs- und Sozialeinrichtungen, natürlich auch Machtzentren. Die Enteignungen kirchlicher Güter im späten 18. und 19. Jahrhundert müssten große Spuren hinterlassen.
  • Die Hauptstädte der betroffenen Gebiete — Turin, Venedig, Florenz und Neapel — sind ausgeschlossen, da sie auf Grund besonderer Steuerbefreiungen in den Steuerlisten nicht vorkommen.
  • Die Bewertung der Güter ist selbst heute ein schwieriges Thema. Wie die Bewertung der Vermögensgüter funktioniert, wird nicht beleuchtet.

Der Aufstieg des Bürgertums

Alfani denkt, dass steuerfreie Adelsgüter eine so geringe Rolle gespielt hätten, dass sie kaum Einfluss auf seine Rechnung haben würden. Das schließt er aus Listen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ich befürchte allerdings, dass er vor allem den Aufschwung des Bürgertums — der Handwerker und Kaufleute –, und die Verstädterung misst. Natürlich nimmt im Vergleichszeitraum relativ der Wert des landwirtschaftliche Vermögen der Adeligen und der Kirche (beides ja nur z.T. erfasst) ab. Umgekehrt werden in manchen Gegenden Bauern vermehrt zu Eigentümern ihres Landes — das führt aber eher zu einer statistisch noch stärkeren Konzentration des Vermögens, da aus nicht erfasstem Lehensgut plötzlich erfasstes Privatgut wird, aus nicht erfassten Besitzlosen erfasste Personen mit wenig Besitz.

Jeder, der Produktionsfunktionen noch im Kopf hat, wird sich außerdem erinnern, dass man an in den einfachsten Modellen an drei Stellschrauben drehen kann: An der geleisteten Arbeit, am eingesetztes Kapital und der verwendeten Technologie. Ein wesentlicher Teil der steigenden Produktionsmöglichkeiten der neuzeitlichen Staaten auf der italienischen Halbinsel geht auf die Kombination besserer Technologien mit dem nötigen Kapitaleinsatz zurück. Glasbläserhütten, Tuchwebereien, Seidenbau oder Buchdruckereien entstehen nicht von selbst.

Es ergibt Sinn, dass die großen Pestepidemien, der sogenannte „Schwarze Tod“, Ungleichheit einebnen, weil sie so viel Menschen das Leben kosten, dass sie die Gesellschaft zerreißen. Ökonomisch gesprochen wird Arbeit knapper, so dass dessen Entlohnung ansteigt, während der Wert des eingesetzten Kapitals und Wissens relativ sinkt. Güter, die niemand bewirtschaften kann, sind wertlos. Es sollte Alfani und auch Thomas Piketty im Übrigen zu denken geben, dass große Reduktionen der Ungleichheit immer mit großen Katastrophen einhergehen: Die Pest bei Alfani, erster und zweiter Weltkrieg bei Piketty.

Jedenfalls ist die aufgezeige „Konzentration“ des Vermögens auch ein Artefakt einer steigenden, technologisch aufwendigeren Produktion, die wiederum allgemein zu einem steigenden Lebensstandard geführt hat. Diese Wechselwirkung entgeht Alfani, der nur auf die Verteilung des erfassten Vermögens blickt, leider völlig.

Übrigens: Eine Kurzzusammenfassung von Alfanis Thesen gibt es auf VoxEU.

Hilarius von Poitiers, der Hammer der Arianer

Der 13. Jänner ist der Gedenktag des heiligen Hilarius von Poitiers († 367/368). Ursprünglich war er Beamter des Römischen Reiches, dabei offenbar gut gebildet. Wie er in seinen zwölf Büchern über die Dreieinigkeit schreibt, führten ihn auf der Suche nach der „Aufgabe, die dem Menschenleben von ihm selbst und von Gott her eigne“, die Bücher des Alten Testaments auf die Spur des Christentums:

„Ich bin, der ich bin“; und wiederum: „Dies sage den Kindern Israels: der da ist, hat mich zu euch gesandt“. Geradezu bewundert habe ich eine so endgültig-eindeutige Gottesbezeichnung, die die unfaßliche Erkenntnis des göttlichen Wesens in einer für menschliche Fassungskraft höchst geeigneten Sprechweise angab.

Er wurde später Bischof — vielleicht der erste — in Poitiers, das damals Pictavium hieß. Der hl. Martin hat ihn nach seinem Militärdienst aufgesucht, wie sein Biograph Sulpicius berichtet, und Hilarius hat ihn zum sogenannten „Exorzisten“ geweiht, einem niederen Weihegrad. Eigentlich wollte Hilarius den frommen Mann zum Diakon machen, doch Martin hielt sich für unwürdig, dieses Amt zu bekleiden.

Der hl. Hilarius von Poitiers heilt ein Kind. Illustration aus dem Weißenauer Passionale

Der hl. Hilarius von Poitiers heilt ein Kind. Illustration aus dem Weißenauer Passionale

Der Hammer der Arianer

Martin hatte wahrscheinlich einen guten Grund, gerade Hilarius aufzusuchen. Denn dieser gehörte zu den Verteidigern der Kirche gegen den Arianismus, eine auch heute verbreitete Irrlehre, nach der Jesus Christus nicht selbst Gott ist, sondern ein geschaffenes, von ihm verschiedenes Wesen. Es geht im Kern um den Monotheismus und die Rolle Jesu.

Die Arianer genossen zu dieser Zeit kaiserliche Unterstützung; viele Bischöfe unterwarfen sich gehorsam. Nicht so Hilarius, der die Dreifaltigkeit verteidigte und die bewusste Trennung der rechtgläubigen Bischöfe vom arianischen Bischofs Saturninus von Arles und seinen engsten Vertrauten betrieb.

Darauf kam es zur Synode von Biterrae (Béziers), bei der die arianischen Bischöfe die inhaltliche Auseinandersetzung vermieden und sich Hilarius’ entledigten: Er wurde auf kaiserlichen Befehl nach Phrygien verbannt — offenbar unter falschen Anschuldigungen. Hilarius selbst schreibt:

Als ich nachher durch die Partei jener Pseudoapostel zur Synode zu Bitterae zu kommen gezwungen wurde, machte ich ihnen das Anerbieten, diese Ketzerei aufzudecken und zu widerlegen. Aber diese fürchteten die öffentliche Kundmachung und wollten die von mir vorgebrachten Beschuldigungen nicht anhören, weil sie glaubten, sie könnten Christo ihre Unschuld vorlügen, wenn sie absichtlich nicht wüßten, was sie nachher mit Wissen tun wollten.

In einem anderen Buch deutet er an, dass er aufgrund falscher Anschuldigungen des Arianers Saturninus verbannt wurde:

[…] so freute ich mich im Herrn, daß ihr unbefleckt und unangetastet von aller Ansteckung der verabscheuungswürdigen Ketzerei geblieben seid, daß ihr Teil nehmet an meiner Verbannung, in welche mich Saturninus aus Furcht vor seinem eigenen Gewissen, mit Hintergehung des Kaisers, verstoßen hatte, […]

Er schreib in der Verbannung mehrere Bücher, darunter das erste bekannte Traktat zur Dreifaltigkeit. Gleichzeitig legte er Wert darauf, weiter mit den Arianern ins Gespräch zu kommen, um den Frieden und die geistige Umkehr der Arianer zu fördern. Er nennt sie auch weiterhin Brüder, auch wenn sie sich nicht gerade brüderlich verhalten. Seine klare Argumentation konnte jedenfalls viele überzeugen, zum nicänischen Glauben zurückzukehren, weswegen er auch der Hammer der Arianer (malleus arianorum) genannt wurde.

Der Kaiser schlägt zurück

Wen er nicht überzeugen konnte, war Kaiser Constantius II.. Dieser lehnte das nicänische Glaubensbekenntnis ab; er wollte ein neues, einheitliches christliches Glaubensbekenntnis erreichen und den arianischen Streit entscheiden. Auf einem Konzil von Sirmium wurde daher ein Entwurf für eine Formel vorgelegt, nach der der Sohn „in allem wie der Vater“ ist, und die Verwendung des Begriffes „Wesen“ streng abgelehnt wird.

Damit sollen die Vertreter verschiedener Schattierungen des „Semi-Arianismus“ zufriedengestellt werden. Die sogenannten Anomoier, die vertraten, Vater und Sohn seien verschieden, waren damit zwar ausgebootet worden, und der reine Arianismus in der Minderheit geblieben. Ebenso war damit aber das nicänische Glaubensbekenntnis von 325 hinfällig, in dem Gott Sohn „eines Wesens mit dem Vater“ genannt wird. Der Text von Sirmium war allerdings nur ein Vorschlag.

Hilarius berichtet in einer Schrift „De Synodis“ an seine gallischen Freunde über diese Entwicklungen. Er schlägt darin auch eine Brücke zwischen Griechen und Lateinern, in dem er demonstriert, dass im Westen mitunter kritisierte Glaubensbekenntnisse aus sprachlichen Missverständnissen heraus abgelehnt werden. Das wird später eine wichtige Rolle spielen, um die kirchliche Einheit wiederherzustellen.

Die von Hilarius hier skizzierte Verständigung will der Kaiserhof verhindern und setzt zwei getrennte Synoden für Ost und West an, eine in Ariminium (Rimini) und eine in Seleucia in Isaurien. Letztere hätte ursprünglich in Nicomedien stattfinden sollen, musste aber auf Grund eines Erdbebens verlegt werden.

Die Bischöfe in Ariminium sahen keinen Grund, vom Glaubensbekenntnis von Nicäa abzuweichen. Daher wurde ihre Gesandtschaft, die sie mit einem entsprechenden Brief zum Kaiser gesandt hatte, zuerst aufgehalten, dann nach Nike in Thrakien verbracht, wo sie eine Formel zu unterzeichnen hatten, nach der der Sohn dem Vater ähnlich sei — auch das „in allem“ wurde gestrichen. Die westlichen Bischöfe wurden nun zur Unterzeichnung gezwungen oder verbannt.

An der östlichen Synode in Seleucia nahm auch der exilierte Hilarius teil, dessen Ruf als gebildeter, versierter Theologe und Disputant ihm offenbar vorauseilte. Auch hier erfolgte — trotz der starken arianischen Tendenzen im Osten — keine Einigung auf die Formel von Sirmium. Auf Wunsch des Kaisers mussten zehn Delegierte nach Konstantinopel zur Berichterstattung kommen, mit ähnlichem Ergebnis wie für den Westen.

Eine „Synode von Konstantinopel“ schloss aus Sicht des Kaisers den Prozess ab. Ihr Glaubensbekenntnis ist uns überliefert, und lässt weiten arianischen Spielraum.

Hilarius kehrt zurück

Hilarius durfte oder musste 360 wieder nach Poitiers reisen — er war den arianischen Hofbischöfen im Osten so lästig geworden, dass sie ihn lieber im fernen Gallien sehen wollten. Dort wurde er jubelnd empfangen. Bald konnte er den gallischen Bischöfen zeigen, dass die Formel von Konstantinopel nur ein Deckmantel für den Arianismus sei. In einer Regionalsynode wurde schließlich der Arianer Saturninus von Arles abgesetzt. Hilarius versuchte allerdings auch, die Hardliner von einer konzilianteren Haltung zu überzeugen, was er erfolgreich und überzeugend tat.

Mit dem Aufstand Julians gegen Kaiser Constantius’ und dem Tod des Letzteren wurde auch die Macht der Arianer merklich schwächer. So erklärte Papst Liberius die erzwungenen Beschlüsse von Ariminium für ungültig.

Schließlich unternahm Hilarius es 364, den Bischof Auxentius von Mailand als Arianer zu entlarven und seine Umkehr oder Absetzung zu erreichen. Auxentius aber stand beim Kaiser offenbar in hoher Gunst und es war vielmehr Hilarius, der Mailand verlassen musste.

Der hl. Hilarius wirkte bis zu seinem Tod in Poitiers, der heute allgemein mit 367 angegeben wird. Übrigens spornte er in dieser Zeit auch den hl. Martin an, ein Kloster in Ligugé zu gründen. Er gilt als Kirchenlehrer und wird auch in der Ostkirche geschätzt und verehrt.

Das Ende des Bucentauren

Am 9. Jänner 1798 zerstörten französische Soldaten das Prachtschiff des venezianischen Dogen, den Bucentaur oder Bucintoro. Eine mit kostbaren Schnitzereien und edlen Blattgoldarbeiten verzierte Galeere, die Besucher in Staunen versetzte. So sehr, dass andernorts, etwa in Bayern, prachtvolle Schiffe gleichen Namens nach venezianischem Vorbild gebaut wurden.

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Francesco Guardi: Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido

Freilich hatte es mit dem venezianischen Schiff eine besondere Bewandtnis, wurde es doch vom Dogen beim Festa della Sensa bestiegen, dem alljährlich zu Christi Himmelfahrt stattfindenden Fest, in dem Venedig seine Verbundenheit mit dem Meer feierte. Der Bucentaur führt eine Schiffsprozession an, die nach San Nicolò am Lido führte – der hl. Nikolaus ist ein Patron der Seefahrer. Diese „Vermählung mit dem Meer“ war eines der größten Ereignisse des Jahres in der Republik Venedig.

1729 wurde der letzte und vielleicht prachtvollste Bucentaur in Dienst gestellt, ein Meisterstück des Kunsthandwerks. Und wie so oft sind es die Schergen einer „neuen Zeit“, die Kultur und Geschichte vernichtet haben. Und warum? Sicher aus Lust an der Zerstörung, aber wohl auch, weil sie die verwendeten Metalle herausbrechen wollten. Übrigens hat Napoleon, der verantwortliche Kommandant, in Venedig auch sonst eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Eine Stiftung, die Fondazione Bucintoro, versucht seit 2004, einen neuen Bucentaur zu bauen, musste die Arbeiten aber mittlerweile aus Geldmangel einstellen, wenn ich es richtig verstanden habe.

Wenn am 2. Jänner Neujahr ist …

Am 2. Jänner wird im Mozarabischen Ritus des Jahresanfangs gedacht – passenderweise mit dem Prolog des Johannesevangeliums als Evangelium. Mozarabischer Ritus? Ja, das ist einer der liturgischen Riten der katholischen Kirche, der etwa in der Kathedrale von Toledo, einigen Klöstern und wenigen anderen Orten gepflogen wird. Der Name ist ein wenig irreführend, denn es handelt sich nicht um einen arabischen Ritus, sondern einen autochthon spanischen. Er ist aus lokalen Traditionen gewachsen ist; deswegen wird der Ritus auch „liturgia hispánica“ oder „liturgia hispano-mozárabe“ genannt, auf deutsch auch altspanischer Ritus. Es sind aber natürlich auch Einflüsse aus anderen Riten zu merken, so aus gallikanischen und orientalischen Traditionen.

Ein Rest des Westgotischen Reiches

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Der westgotische König Rekkared I. mit Bischöfen am III. Konzil von Toledo. (Codex Vigilanus)

Eine besondere Rolle bei der Ausprägung dieses Ritus spielte wohl die Katholisierung des Westgotischen Reiches, dessen Königshaus 589 den katholischen Glauben annahm und in der Folge eine selbständige Entwicklung der Kirche des Landes förderte. Nachdem die islamischen Eroberungsfeldzüge Spanien erreichten und das Westgotenreich vernichteten, war der Kontakt und Austausch zwischen den lokalen Christen und Rom noch schwieriger, die Entwicklung entsprechend divergent. Während man sich im unbesetzten Nordteil Spaniens ab dem 11. Jahrhundert der römischen Liturgie zuwandte, wurde im Süden die mozarabische Liturgie weitergepflogen: Die Liturgie, die „unter den Arabern“ gefeiert wurde. Mit der Rückeroberung Spaniens breitete sich die römische Liturgie ebenfalls aus, wofür sich unter anderem Reformpapst Gregor VII. einsetzte. Damit wollte er die Einheit der Kirche und des Glaubens sichern.

In Toledo, der alten Königsstadt der Westgoten, war der Widerstand gegen die Einführung des römischen Ritus allerdings sehr groß und heftig. Sei es, dass König Alfons VI. von Léon aus Dankbarkeit für das Festhalten der Toledaner am Glauben ihnen die Feier des altspanischen Ritus in sechs Kirchen weiter gestattete, sei es, dass die dramatische Geschichte von einem doppelten Gottesurteil zugunsten des mozarabischen Ritus historisch ist – jedenfalls überlebte der Ritus.

Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517) gilt als Retter des Ritus, da er ein Missale und Brevier erstellen und drucken sowie eine Kapelle in der Kathedrale von Toledo bauen ließ, die ausdrücklich dem täglichen Messopfer im mozarabischen Ritus gewidmet ist, das dort auch tatsächlich bis heute gefeiert wird. 1991 wurde das aktuelle „Missale Hispano-Mozarabicum“ publiziert. Der hl. Papst Johannes Paul II. zelebrierte nach der Promulgation des Messbuchs als erster Papst überhaupt eine Messe im mozarabischen Ritus.

Einige Besonderheiten

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Kuppel der Mozarabischen Kapelle in Toledo. © Francisco Javier Martín Fernández

Der Ritus kennt einige Besonderheiten, die ihn vom römischen Ritus unterscheiden. So dauert der Advent wie auch im ambrosianischen Ritus sechs Wochen. Die Festtage zu Weihnachten sind teilweise anderes angeordnet: Auf Weihnachten folgt Stephanus, Eugenia, der Apostel Jakobus der Jüngere, der Apostel Johannes, der Apostel Jakobus der Ältere und zum Jahreswechsel die heilige Columba. Am Oktavtag von Weihnachten wird der Beschneidung Jesu gedacht, zwei Tage nach Erscheinung des Herrn folgt das Gedenken an die von Herodes in Bethlehem ermordeten Kinder. Verkündigung des Herrn und Kathedra Petri werden nur gefeiert, wenn sie nicht in die Fastenzeit fallen. Diese beginnt dafür erst mit dem ersten Fastensonntag. Die Unterschiede im Kalendarium ließen sich noch fortsetzen.

Der Grundaufbau der heiligen Messe ist dem römischen Ritues ähnlich, doch im Detail gibt es erhebliche Abweichungen. So wird das Glaubensbekenntnis nicht im Wortgottesdienst, sondern nach dem Hochgebet gesprochen; der Friedensgruß dagegen erfolgt bereits vor dem Hochgebet. Das Erbarmen Gottes wird mehrfach erbeten, ein eigenständiges Schuldbekenntnis, wie es seit dem 10./11. Jahrhundert im römischen Ritus nach der Eröffnung üblich ist, gibt es nicht. Das ist schon aus historischen Gründen wenig überraschend. Das Schuldbekenntnis war außerdem ursprünglich eine Vorbereitung des Klerus, und im Eröffnungsgebet des Priesters bittet dieser ebenfalls um Verzeihung seiner Sünden; allerdings wird währenddessen von einem Chor ein Eingangsgesang gesungen, so dass die Gemeinde dieses Gebet nicht hört.

Die heilige Messe

Stefan Kiesewetter beschreibt den Messablauf in seiner Diplomarbeit ausführlich. Die Messfeier besteht aus den großen Teilen des Wortgottesdienstes, des Hochgebets und des Kommunionritus, die durch verschiedene andere Teile verbunden werden. Die Sprache des Messbuchs ist wie im römischen Ritus Latein.

Eröffnung

Während des Einzugs des Priesters und eines Gebetes des Priesters vor dem Altar erklingt mit Ausnahme der Fastenzeit und der Wochentagsmessen ein dem Introitus vergleichbarer Gesang („Praelegendum“). Es folgt mit den nämlichen Ausnahmen das Gloria. Zu Weihnachten, Dreikönig, Ostern und Pfingsten schließt sich das Trishagion an. Dieser Abschnitt wird, sofern das Gloria nicht zu entfallen hatte, durch die „Oratio post Gloriam“ ergänzt, ein feierliches Gebet.

Wortgottesdienst

Nach einer Begrüßung („Der Herr sei mit euch“) wird aus einem Propheten des Alten Testaments gelesen. An Wochentagen und Sonntagen der Fastenzeit wird die Lesung stattdessen Weisheits- und Geschichtsbüchern des Alten Testamens entnommen; zudem sind in dieser Zeit gleich zwei Lesungen aus dem Alten Testament vorgesehen. In der Osterzeit wird statt der Lesung(en) aus dem Alten Testament aus der Offenbarung des Johannes gelesen.

Nach der ersten Lesung wird das Psallendum gesungen, einige Verse aus den Psalmen, mit Ausnahme von Mittwoch und Freitag in der Fastenzeit, an denen stattdessen das Threni gesungen wird, Verse, die Jesaja und Ijob entnommen sind.

An bestimmten Gedenktagen folgen die Benedictiones, ein Ausschnitt aus dem Dank des Asarja für die Errettung aus dem Feuerofen.

Die zweite Lesung ist den Episteln entnommen; ohne Zwischengesangt schließt daran das Evangelium an, das vom Diakon verlesen wird. Nach der Predigt wird das Halleluja gesungen, wobei der liturgische Name Laudes ist. In der Fastenzeit entfällt dieser Gesang, der eine preisende Antwort auf das gehörte Wort Gottes ist.

Gabenbereitung

Die Gläubigen treten zum Altar und bringen die Gaben, während der Chor das Sacrificium singt. Der Diakon breitet ein Tuch auf dem Altar aus, legt darauf die Patene mit dem Brot, gießt Wein und Wasser in einen Kelch und stellt diesen auf den Altar, worauf der Priester ein für sich ein Gebet zur Bereitung der Gaben spricht. Nach Möglichkeit inzensiert nun der Priester die Gaben auf dem Altar. Dann wäscht er still an der Seite des Altars seine Hände.

Der Prieser beginnt dann das Hochgebet mit der Oratio Admonitionis, einem an die Gläubigen gerichteten Gebet oft katechetischen Inhalts, das vom Volk mit „Amen“ beantwortet wird. Dann ruft der Priester zum Gebet auf („Lasset uns beten“), was im mozarabischen Ritus nur zweimal geschieht, einmal hier, dann vor dem Vater unser. Der Chor ruft nun eine Akklamation an den dreimal heiligen Gott.

Diptychen

Die Diptychen sind Erinnerungen und Fürbitten für bestimmte Personen und Personengruppen. Zuerst betet der Diakon für die heilige katholische Kirche, dann für die Sünder, Gefangene, Kranke und Fremde. Der Priester reiht nun andere Diptychen an – deswegen heißt dieser Teil auch Alia, in denen Gott um Annahme der Gebete der Gläubigen angerufen wird.

Der Diakon setzt fort mit Diptychen für den Papst, Bischöfe bis zum Volk Gottes allgemein, es wird auch um Fürsprache der Heiligen gebeten. So drückt sich die Gemeinschaft der Kirche in Gegenwart und Vergangenheit, in Himmel und Erde aus.

Mit der Oratio post Nomina, dem Gebet nach den vielen in den Diptychen genannten Namen, wird Gott um Annahme des Messopfers angerufen und sein Verzeihen erbeten.

Friedensgruß

Der Friedensgruß nimmt breiteren Raum ein. In einer Oratio ad Pacem, einem Gebet zum Frieden, wird Gott als der wahre Frieden und unerschöpfliche Liebe vorgestellt. Der Diakon ruft das Volk auf, Frieden zu schließen. Die Gläubigen sollen daher im Friedensgruß ein sichtbares Zeichen des Friedens untereinander setzen, etwa durch einen Friedenskuss. Dazu singt der Chor den feststehenden Cantus ad Pacem.

Hochgebet

Das Hochgebet wird durch eine Wechselrede zwischen Priester, Diakon und Volk eröffnet, ähnlich den Hochgebeten des römischen Ritus, allerdings mit etwas anderem Text. Nach dieser Eröffnung folgt die Illatio, so genannt, weil sie zur Wandlung hinführt. Sie entspricht der Präfation des römischen Ritus, allerdings gab es schon seit jeher eine große Zahl verschiedener Illationes.

An sie schließt, analog zum Römischen Ritus, das Sanctus und das Benedictus an, wenn auch in leicht veränderter textlicher Gestalt und mit altgriechischer Schlussakklamation.

Die folgende Oratio post Sanctus beginnt immer mit den Worten „Vere Sanctus“, wie sie etwa auch im Zweiten und Dritten Hochgebet des aktuellen römischen Ritus verwendet werden, und weist, so Kiesewetter, auf die „Sammlung der Kirche durch Christus, das Wirken Christi an seiner Kirche und die Christus als Erlöser der Menschen“ hin.

Damit ist das Feld für den am Korintherbrief orientierten Einsetzungsbericht aufbereitet, der jeweils nach den Worten über dem Brot und dem Kelch mit „Amen“ mit beantwortet wird. Schließlich spricht der Priester eine leicht erweiterte Form von 1 Kor 11,26. Das Volk antwortet: „So glauben wir, Herr, Jesus“.

In der Oratio post Pridie wird nach verschiedenen Vergegenwärtigungen und Anrufungen der Heilige Geist um Wandlung der Gaben gebeten. Zusammen mit der Oratio post Sanctus und dem Einsetzungsbericht bildet die Oratio post Pridie in organischer Einheit die Wandlung. Eine Doxologie beendet das Hochgebet, während der der Priester die Gaben mit einem Kreuz bezeichnet.

Kommunionritus

Das Glaubensbekenntnis wird an völlig anderer Stelle als im römischen Ritus gebetet, nämlich nach dem Hochgebet. Seit der Bekehrung der Westgoten zum katholischen Glauben ist dabei das Credo in jeder Messe zu beten, um die Einheit der Kirche und des Glaubens zu betonen. Damit folgte man damals ostkirchlichen Vorbildern. Das Glaubensbekenntnis weist zahlreiche kleine sprachliche Abweichungen von der im römischen Ritus verwendeten lateinischen Fassung des Nicäno-Konstantinopolitanums auf, was auf eine alte, eigenständige Übersetzung hinweist. Aufällig ist die Übernahme des griechischen Begriffs ὁμοούσιον (wesensgleich), der mit dem Zusatz „das ist, desselben Wesens mit dem Vater“ erklärt wird. Die Weglassung des „für uns gekreuzigt“ und die Hinzufügung „im Himmel und auf Erden“ zu „durch ihn ist alles geschaffen“ zeugen vom Einfluss des älteren Nicänums. Übrigens wird das Glaubensbekenntnis als „Credimus“ gebetet, Ausdruck gemeinsamen Bekenntnisses: „Wir glauben“.

Anschließend wird das konsekrierte Brot gebrochen, begleitet vom Cantus ad Confractionem, kurzen, gesungenen Versen, die aus einem festen Repertoire meist frei gewählt werden können. Die Teile der gebrochenen Hostie werden in Form eines Kreuzes angeordnet; da das von der Gemeinde kaum zu bemerken ist, benennt er laut die einzelnen Teile beim Ablegen nach Stationen aus Jesu Leben, von der Fleischwerdung bis zur Auferstehung. Zweite weitere Teile rechts neben dem Kreuz deuten an, wie Jesus nach der Auferstehung „zur rechten Gottes“ sitzt.

Zum Vater unser fordert der Priester mit dem zweiten „Lasset uns beten“ der Messe auf und spricht ein einleitendes Gebet, das deutlich länger als sein Widerpart im römischen Ritus ist. Danach ruft der Priester jeweils eine Zeile des Vater unsers, worauf die Gemeinde mit „Amen“ antwortet. Ein weit ausgebauter Embolismus, der mit einer Erweiterung der letzten Bitten des Vater unser beginnt, schließt sich an.

Der Priester erhebt nun Patene und Kelch und ruft feierlich „Sancta sanctis“, „das Heilige den Heiligen“. Das Heilige ist Leib und Blut Christi; die Heiligen sind die Mitfeiernden, die durch die Teilhabe am Leib Christi geheiligt sind. Einen bestimmten Hostenteil legt der Priester nun in den Kelch und symbolisiert damit die Verbindung von Leib und Blut, wie es auch ein dazu vorgesehenes leises Gebet des Priesters aussagt. Nun fordern Diakon und Priester im Wechselgesang mit dem Volk zur Segnung auf, die in einem wechselnden, dem jeweiligen Festgeheimnis angepassten Text erfolgt. Dieser Segen entspricht weitgehend dem Schlusssegen des römischen Ritus.

Nun bittet der Priester leise darum, dass das Messopfer den Makel der Sünde tilge und die Gläubigen würdig werden, zur Gemeinschaft der Heiligen gezählt zu werden. Er kommuniziert nun selbst, dann der Diakon, schließlich die Gläubigen. Der Priester teilt das Brot mit den Worten „Corpus Christi sit salvátio tua“ aus, also „Der Leib Christi sei dein Heil“, der Diakon den Wein mit den Worten „Sanguis Christi máneat tecum redémptio vera“, d.h. „Das Blut Christi bleibe mit dir als wahre Erlösung“.

Der Empfang der Kommunion wird vom feststehenden Kommunionsgesang Cantus ad Accedentes begleitet, einem von zahlreichen Halleluja-Rufen geprägten Text, den der Chor singt. In der Fastenzeit gibt es eigene Formulare dafür, die der Prägung der Zeit entsprechen.

In der Antiphona post Communionem dankt der Chor nach der Kommunion: „Erneuert durch Leib und Blut Christi loben wir Dich, Herr – Halleluja!“ Hernach beschließt die Oratio Completuria den Kommunionritus, ein kurzes Dankgebet für den Empfang der heiligen Kommunion.

(Video dank des Blogs New Liturgical Movement)

Schluss

Zum Schluss ruft der Priester: „Der Herr sei immer mit euch!“, worauf das Volk antwortet: „Und mit deinem Geiste.“ Der Diakon verkündet das Ende der Messe: „Die Feier ist vollendet. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus sei unser Gebet mit Frieden angenommen.“ Die Gemeinde antwortet mit „Dank sei Gott“, worauf der Priester den Altar küsst, Priester, Diakone und Altardiener sich vor dem Kreuz verbeugen und die Kirche verlassen. Mit diesem Auszug ist die Messe beendet.

Die Globalisierungsgewinner des 13. Jahrhunderts vor Christus

Im dreizehnten Jahrhundert vor Christus standen in Griechenland, Kleinasien und Syrien mächtige, luxuriös ausgestattete Paläste, die über geschäftigen Städten thronten. Feine Keramik, edle Schmiedearbeiten oder prächtige Stoffe wurden zwischen den Städten in Karawanen oder in großen Handelsflotten über teils große Distanzen geliefert. Waren, die in spezialisierten Werkstätten mit zum Teil hunderten Arbeitern hergestellt wurden, und deren Rohstoffe mitunter ebenso von weither kamen.

Um 1200 vor Christus bricht diese Welt zusammen. Eric H. Cline hat diesem Kollaps des bronzezeitlichen Reichtums mit „1177. Der erste Untergang der Zivilisation“ eine vielbeachtete Monographie gewidmet. (Hier die Buchbesprechung in der „Welt“.)

Der genaue Hergang dieses Zusammenbruchs wird immer noch heftig diskutiert. Eine unheilvolle Melange aus Invasionen äußerer Feinde, inneren Fehden, Naturkatastrophen und schließlich dem Ende des überregionalen Handels wird regelmäßig genannt, mit unterschiedlicher Betonung der einzelnen Faktoren. Momentan scheint etwa der Klimawandel auch zur Erklärung historischer Ereignisse sehr en vogue. Der Handel ist auch insofern bedeutend, als die weitreichenden Handelsnetzwerke es ermöglichten, dass in einigen Städten mehr Menschen wohnen konnten, als das unmittelbare Umland ernährt hätte.

In Griechenland schrumpfte die Bevölkerung im Zuge der Ereignisse — mancherorts um 90%! –, und konnte erst Jahrhunderte später wieder die damalige Zahl erreichen, um sie schließlich in hellenistischer Zeit deutlich zu übertreffen. Die bronzezeitlichen Reiche scheinen der malthusianischen Falle entkommen zu sein, die früheisenzeitlichen Griechen waren fest in ihr gefangen.

Wie aber war das möglich?

Ein Teil des Puzzles liegt in der Palastwirtschaft, wie sie im östlichen Mittelmehr und im Zweistromland vorherrschte. Die Paläste verwalteten Rohstoffe und Lebensmittel und beherbergten große, spezialisierte Manufakturen, die vor allem Waren für den Export produzierten. Auf diese Weise konnten Skalenerträge (durch große Produktionseinheiten) erzielt werden. Die Möglichkeit, Rohstoffe auch von weiter her zu beziehen, eröffnete außerdem das Feld für die Spezialisierung bestimmter Paläste auf Produkte, die Vorprodukte aus verschiedensten Quellen benötigten.

Die Mängel der Planwirtschaft der Paläste wurden dadurch gemildert, dass die jeweiligen Einheiten relativ überschaubar waren und durch den Handel, der in der Regel über private Kaufleute abgewickelt wurde, einer Marktdisziplinierung ausgesetzt waren. Eine Gleichsetzung der Paläste mit Großunternehmen ginge wohl nicht ganz fehl.

Ein zweiter Teil des Puzzles liegt in der weit entwickelten Diplomatie und großen Hegemonialsphären, die einen einigermaßen sicheren Handel im östlichen Mittelmehr und Zweistromland ermöglichten und die Transaktionskosten gegenüber späterer Zeit deutlich niedriger halten konnten.

Doch höhere Produktivität durch Arbeitsteilung und Skalenerträge erklärt noch nicht allein den höheren Wohlstand der späteren Bronzezeit gegenüber der folgenden frühen Eisenzeit. Nach der gängigen malthusianischen Theorie werden solche Produktivitätsgewinne durch eine wachsende Bevölkerung wieder aufgesogen, bis wieder ein Leben auf Subsistenzniveau erreicht ist. Nur in Zeitabschnitten, in denen die Produktivität schneller als die Bevölkerung wächst, könnte daher der Wohlstand pro Kopf kurzfristig steigen.

Diese Annahme ist aber durch den archäologischen Befund für das klassische Griechenland oder das Römische Reich nicht gedeckt, wie Josiah Ober für ersteres, Paul Erdkamp für letzteres diskutiert.

Dafür gibt es einenn einfachen Grund: Die Bevölkerung kann ja nur wachsen, wenn die Geburten die Todesfälle übersteigen. Das heißt z.B., dass durch gute Ernährung oder durch Fortschritte in der Medizin oder Hygiene die Kindersterblichkeit sinkt — und damit mehr Kinder erwachsen werden und Familien gründen. (Die Annahme, dass eine besonders gute Ernährungslage zu signifikant steigenden Geburtenraten selbst führen würde, gilt als widerlegt.) Verzierte Vasen und bunte Stoffe dagegen machen das Leben schöner und angenehmer, tragen aber nichts zum Bevölkerungswachstum bei.

Einen einfachen Ansatz dafür zeigt Lemin Wu in einem Working Paper. Wu unterscheidet einfach zwischen zwei Sektoren, „Subsistenz“ und „Luxus“. „Luxus“ sind bei Wu alle Güter, die dem persönlichen Nutzen dienen, aber die Überlebensfähigkeit der Gruppe nicht erhöhen. Die Wirtschaft hat in dem Punkt ein Gleichgewicht erreicht, in dem sich die Grenze der Produktionsmöglichkeiten, die Menge der für die Menschen gleichwertigen Güterbündel (Indifferenzkurve) und die Menge der Güterbündel, die zu einer konstanten Bevölkerung führen, berühren. Wenn die Produktivität im Luxussektor stärker steigt als im Subsistenzsektor, steigt der Wohlstand pro Kopf. Steigt die Produktivität im Subsistenzsektor, wächst die Bevölkerung. Große landwirtschaftliche Innovationen haben in diesem Modell daher langfristig negative Auswirkungen auf den Wohlstand pro Kopf. Welche Güterbündel aus Subsistenzgütern und Luxusgütern als gleichwertig gesehen werden, ist freilich auch kulturell bedingt.

Umgelegt auf die Bronzezeit: Die Produktivität im Bereich der Handelswaren stieg viel stärker als die der Landwirtschaft; zudem wurden der Warenproduktion in den Palästen massiv Ressourcen zugeführt und standen damit auch nicht der ernährenden Landwirtschaft zur Verfügung. Produktionsstrukturen und soziale Präferenzen haben in Wus Terminologie zu einer „Luxusexpansion“ geführt, die zu einem höheren Wohlstand pro Kopf führt.

Es gibt allerdings auch eine Gegenkraft in Wus Modell. Gesellschaften, die einen komparativen Vorteil im Subsistenzsektor haben, sind ärmer, doch ihre Technologien verbreiten sich durch steigenden Bevölkerungsdruck, der in friedlicher Wanderung oder kriegerischer Invasion mündet. In Wus simplem Modell — das keinen Anspruch stellt, die komplexe Wirtschaftsgeschichte des Altertums allein erklären zu können — würde hier wohl wieder die Invasionstheorie ins Spiel kommen …

Auch ohne Invasion kann man den Kollaps zum Ende der Bronzezeit innerhalb dieses Rahmens erklären: Durch den Zusammenbruch des Handels und die Zerstörung von Palästen sank die Produktivität des Luxussektors stark, aber auch die Produktivität des Subsistenzsektors, der von fachmännisch hergestellten Gerätschaften und durch Handel ermöglichter Spezialisierung wohl ebenfalls profitiert hatte. Die Produktionsmöglichkeiten gehen also zurück, das erreichbare Güterbündel, das den höchsten Nutzen verspricht, wird deutlich kleiner und subsistenzlastiger, die Güterbündelmenge bei konstanter Bevölkerung geht zurück. Voi là: Frühe Eisenzeit — samt malthusianischer Bevölkerungsentwicklung.

Freut euch! Ein Lied!

Wann gibt es eine bessere Gelegenheit, ein Weihnachtslied zu verlinken, als mitten in der Weihnachtsoktav? In diesem Fall das lateinische Lied „Gaudete, Christus est natus“. Freut euch, Christus ist geboren.

Wir kennen es aus einer Sammlung frommer Lieder, so die Selbstbezeichnung — piae cantiones –, die 1582 im deutschen Greifswald publiziert wurde. Die Herausgabe besorgte allerdings der Finne Theodor Petri Rutha, der dem Druck eine Liedersammlung aus der finnischen Bischofsstadt Turku zu Grunde legte.

Viele insgesamt 74 lateinisschen Lieder sind wohl deutlich älter als das Jahr der Drucklegung vermuten ließe. Einige von ihnen werden sogar in der Zeit um 1300 verortet, andere waren zeitgenössisch. Offenbar wurden auch einige Texte geändert, da man nach der Einführung der Reformation die Lieder ansonsten wohl nicht mehr hätte singen dürfen. Alles in allem wurde durch den Druck dieses alte Liedgut aber gerettet, da es von da an oft im Schulbetrieb der folgenden Jahrhunderte genutzt wurde und konfessionsübergreifend auch liturgische Verwendung fand.

Alle Texte der Piae Cantiones sind dankenswerterweise bei Mats Lillhannus online verfügbar.