Eostre, Ostara und Ostern

In vielen Sprachen ist der Bezug zwischen dem jüdischen Pessachfest und dem christlichen Ostern klar hörbar. Im Französischen heißt es pâques, im Niederländischen pasen, auf Italienisch pasqua, auf Gälisch cáisc 1. Andere haben umschreibende Namen. So heißt das Fest im Tschechischen velikonoce, also „Große Nacht“. Im Englischen aber heißt es easter, und von dort könnte auch unser Ostern stammen, waren doch etliche angelsächsische Missionare an der Christianisierung Deutschlands beteiligt, während im Nordwesten Deutschlands sich die Bezeichnung nach dem Paschafest hielt.

Im 19. Jahrhundert war es sehr beliebt, alle möglichen Bräuche und Namen auf uralte Wurzeln zurückzuführen. Daher stammt etwa die Vorstellung, der Osterhase wäre Ausdruck uralter Frühlingsbräuche, obwohl er erst seit der Neuzeit bezeugt ist und lange Zeit in enger Konkurrenz zu Osterfuchs, Osterstorch und anderen Tieren als Eierlieferant stand.

Damals wurde auch von Jakob Grimm eine germanische Frühlingsgöttin namens „Ostara“ rekonstruiert, und zwar aus einer flüchtigen Bemerkung beim Kirchenlehrer und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis über die alten angelsächsischen Monatsnamen. Beda vermutet dort hinter dem Monatsnamen Eosturmonath eine Göttin Eostre, deren Fest in diesem Monat gefeiert worden sein soll.

Es ist passend, dass der Rassenfanatiker und Verschwörungstheoretiker Adolf Lanz, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Jörg Lanz zu Liebenfels“, ausgerechnet den Namen „Ostara“ für seine Zeitschrift verwendete. Eine gleichsam erfundene Göttin für eine erfundene Ideologie.

Nun ist es durchaus möglich, dass Beda tatsächlich eine Überlieferung referenziert, die ihm selbst nur vielleicht nicht mehr so vertraut war. Manche vermuten z.B. einen Beinamen einer anderen Göttin, da in den überlieferten germanischen Sagen keine Göttin des Namens Eostre oder in ähnlicher Weise auftaucht. Auch ist seine knappe Ausdrucksweise manchmal missverständlich. So berichtet er, der Solmonath, im Februar, könne „Monat der Kuchen“ genannt werden, weil man den Göttern Kuchen geopfert hätte. Viele rätseln, wie man vom Adjektiv „sol“ für „Schlamm“ auf „Kuchen“ kommen könnte. Aber vielleicht will Beda gar nicht den Monatsnamen erklären, sondern sagen: Man könnte ihn direkt Kuchenmonat nennen, weil eben Kuchen geopfert wurde. Das war vielleicht die lebendigste Erinnerung.

Es wäre unfair, Beda Ungenauigkeiten anzukreiden. Seine Quellen waren in diesem Fall wohl oft eigene Erinnerung und die seiner Umgebung, denn es ist kaum anzunehmen, dass dieser Kalender der Angeln zuvor schriftlich dokumentiert worden ist. Und Beda weist selbst darauf hin, dass dieser Kalender keine aktuelle Relevanz mehr besitzt:

Aber das alte Volk der Angeln (denn es scheint mir nicht passend, die Folge des Jahres der anderen Völker zu nennen, und meines zu verschweigen) hat seine Monate nach dem Lauf des Mondes berechnet; daher nahmen sie auch vom Mond nach Sitte der Hebräer und Griechen den Namen. Wenn also bei diesen der Mond „mona“, wurde der Monat „monath“ genannt.

Man beachte die durchgehende Verwendung von Vergangenheitsformen, während er bei der Schilderung des griechischen Kalenders die Gegenwart verwendet. Beda erzählt auch ganz bewußt die Verbindung zu Götternamen und zu Opfern — z.B. dem Blutopfer im „Blutmonat“ November –, wie sein Schlußsatz in der Schilderung der anglischen Monate nahelegt:

Dank sei Dir, guter Jesus, der Du uns, der wir uns von diesen Eitelkeiten abwenden, geschenkt hast, Dir das Opfer des Lobes anzutragen.

Die in den Monatsbeschreibungen geschilderten Opfer sind also nicht mehr notwendig und wurden vom Lob Gottes abgelöst.

Wir können aus Bedas Text aber durchaus erschließen, dass es zumindest bei den Angeln im April ein Frühlingsfest gegeben haben muss, dessen Name dann bei der Christianisierung der Angeln auf das Osterfest übertragen wurde:

mit dessen Namen sie nun zusätzlich die Osterzeit bezeichnen, indem sie mit dem gewohnten Wort des alten Dienstes die Freuden der neuen Feierlichkeit nennen.

Mit der angelsächsischen Mission — es seien nur Bonifatius, Wunibald und Willibrord genannt — und Gelehrten wie Alkuin ist dieser Name in den deutschen Sprachraum gekommen, wie Richard Sermon nachzeichnet. Eine deutsche Göttin Ostara hat es dafür nicht gebraucht, die entsprechend auch nirgends bezeugt ist.


  1. Aus dem lateinischen pascha; das anlautende p wird im Irische dann zu c

100 Jahre Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg

Neues 8-Uhr-Blatt: Krieg mit Amerika

Neues 8-Uhr-Blatt: Krieg mit Amerika

Heute vor 100 Jahren, am Karfreitag des Jahres 1917, haben die USA dem Deutschen Reich den Krieg erklärt und damit den Ersten Weltkrieg entschieden. 1916 war Woodrow Wilson noch unter dem Motto „He kept us out of war“ gewählt worden, als Garant für den Frieden.

„Geld ist die schlimmste aller Kontrebande“

Doch waren die USA schon vor ihrem Kriegseintritt ein wichtiger Partner der Entente. So wurden Großbritanniens Einschränkung des Handels mit Deutschland akzeptiert, während Großbritannien uneingeschränkt beliefert wurde. Auch gestattete Wilson Kredite an kriegsführende Staaten, wovon in erster Linie Großbritannien profitierte. Dabei handelte er 1914 gegen die ausdrücklichen Befürchtungen seines damaligen Außenministers William Jennings Bryan, der sagte: „Geld ist die schlimmste aller Kontrebande1, weil es alles andere befehligt.“

So war es auch: Großkredite an Frankreich und Großbritannien erhöhten das Interesse der USA an einem Sieg der Entente gegen die Mittelmächte. Dieser Zusammenhang war so offensichtlich, dass man ihn beispielsweise in der „Reichspost“ vom 7. April 1917 nachlesen kann:

„So sieht also die Gelegenheit aus, die erforderlich ist, damit ein sich ultrapazifistisch geberdender [!] Staat, der sich feierlich verpflichtet hat, alle Streitigkeiten mit anderen Mächten nur auf schiedsgerichtlichem Wege auszutragen, die ‚ganze Kraft der Nation‘ in einen Krieg werfe, an dessen Ausgang er nur als Lieferant der einen Partei Interesse hat. […] Das amerikanische Kapital braucht den Sieg des Vierverbandes, seines Schuldners, für den es sich mit riesigen Beträgen festgelegt hat. Die unmittelbare finanzielle Unterstützung des Vierverbands durch Amerika soll bereits mehr als fünfundzwanzig Milliarden Kronen betragen […]. Diese Summen sind zum größten Teil verloren, wenn der Vierverband unterliegt und ebenso befürchten die Amerikaner in diesem Fall auch eine schwere Unterbindung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, da eine Reihe der besten Abnehmer der amerikanischen Produkte bei einem Zusammenbruch des Vierverbands mit einem Male ausscheiden würden.“

Zwei entscheidende Fehler

Freilich hatte das Deutsche Reich selbst zwei entscheidende Fehler gemacht: Das sogenannte „Zimmermann-Telegramm“, in dem Deutschland Mexiko eine Allianz gegen die USA vorschlägt, sollten die USA in den Krieg eintreten. Nun war Mexiko aber überhaupt nicht in der Lage, die USA ernsthaft bedrohen. Erst kurz zuvor war eine US-Strafexpedition in das von Bürgerkriegen geschwächte Land ungehindert eingedrungen. Das einzige Ergebnis war eine empörte amerikanische Öffentlichkeit.

Der zweite betraf den sogenannten „uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg, bei dem der zusätzliche Nutzen die politischen Kosten bei weitem übertraf. Nicht nur, dass er der US-Führung einen Vorwand zum Kriegseintritt gab, hatte er auch bei weitem nicht den gewünschten Effekt, die Versorgung Großbritanniens entscheidend zu behindern.

Woodrow Wilsons Kriegspräsidentschaft wird in den USA heute kritischer gesehen. Bei aller verständlicher Bewunderung für die Opfer und Erfolge des eigenes Landes wird bemerkt, dass Wilson den Krieg innenpolitisch als Vorwand benutzt hat, um weitreichende Eingriffe des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft durchzuführen. Tausende wurden interniert, ein aggressive Stimmung gegen Immigranten, insbesondere solche mit deutschen Wurzeln, geschürt, die Meinungsfreiheit drastisch eingeschränkt.

Es ist kein Wunder, dass Wilsons Demokraten die Wahlen 1920 haushoch verloren haben: Der demokratische Präsidentschaftskandidat James M. Cox erhielt nur 34,2% der Stimmen, im Repräsentantenhaus verfügten sie nur noch über 131 der 435 Sitze.

Doch wenn das der Preis war, der für Wilsons Politik zu zahlen war, so konnte Wilson doch dafür der Ordnung der ganzen Welt seinen Stempel aufdrücken.


  1. Bezeichnung für den Schmuggel verbotener Güter an kriegsführende Parteien über den Seeweg; auch für die Schmuggelwaren selbst. 

Taugt die Zerstörung des Tempels als Eichpunkt für die Evangeliendatierung?

In der modernen deutschsprachigen Bibelwissenschaft ist die Spätdatierung des Neuen Testaments fester Bestandteil des Lehrkanons. Ein wesentliches Argument dafür ist, dass die Evangelien erst nach der Zerstörung des Tempels geschrieben worden sein können, weil dieser Vorgang in den Evangelien — wenn auch nur sehr allgemein — vorhergesagt würde. Siehe z.B. bibelwissenschaft.de, das den akademischen Konsens in Deutschland ganz gut wiedergibt.

So steht im Markusevangelium, das heutzutage allgemein für das älteste Evangelium gehalten wird1, die Voraussage:

Als Jesus den Tempel verließ, sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Meister, sieh, was für Steine und was für Bauten! Jesus sagte zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, alles wird niedergerissen. […] Wenn ihr aber den unheilvollen Gräuel an dem Ort seht, wo er nicht stehen darf – der Leser begreife -, dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; wer gerade auf dem Dach ist, soll nicht hinabsteigen und ins Haus gehen, um etwas mitzunehmen; wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren, um seinen Mantel zu holen. Weh aber den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen. Betet darum, dass dies alles nicht im Winter eintritt. Denn jene Tage werden eine Not bringen, wie es noch nie eine gegeben hat, seit Gott die Welt erschuf, und wie es auch keine mehr geben wird. (Mk 13,1.14-19)

Diese Stelle findet Parallelen bei Matthäus in Kapitel 24 und Lukas in Kapitel 21.

Nun lasse ich einmal den berechtigten Einwand beiseite, dass Theologen nicht von vornherein die Möglichkeit einer Prophezeiung ausschließen sollten. Selbst innerhalb des Versuchs, die Bibel theologisch unter dem Primat eines Ausschlusses der Transzendenz zu untersuchen, ist die Position der Spätdatierung keineswegs so gesichert, wie suggeriert wird.

Eine apokalyptische Welt

Prophetien sind namensgemäß bei den Propheten in großer Zahl zu finden, von den Gottesknechtliedern Jesajas bis zur Bethlehem-Vision des Micha. Die darüber hinausgehende, endzeitliche apokalyptische Literatur war im Judentum um Christi Geburt wiederum weit verbreitet. Sie findet sich bereits im Alten Testament z.B. im Buch Daniel und in vielen außerbiblischen Büchern wie dem 4. Buch Esra. In diesem Werk, das in Liturgie und Überlieferung Spuren hinterlassen hat, finden sich ausführliche Endzeitbeschreibungen, die ähnliche Motive aufweisen wie die kleine Apokalypse des Markus.

Das Genre war also bekannt und wurde nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum in der Antike noch eine Zeitlang weitergeführt, siehe etwa die verschiedenen Apokalypsen des Baruch. Die Vorhersage einer Zerstörung des Tempels befindet sich bereits mehrmals im Alten Testament, so z.B. in Jeremia 7. Der Topos wurde, wenn wir dem Geschichtsschreiber Flavius Josephus glauben dürfen, vor der Zerstörung des Tempels verwendet: Josephus berichtet für das Jahr 62 von Jesus Sohn des Ananias, der für seine Untergangsprophezeiung ebenfalls gegeißelt wurde.

Die Zeit der Herodianer und der römischen Herrschaft in Judäa wurde nach der unter den Hasmonäern erlangten Freiheit als Rückschritt, als bedrängend und bedrückend empfunden, die Kollaboration der Tempelpriester mit den Römern und die im Tempel grassierende Korruption als Frevel. Ob es in dieser Zeit angesichts der vielen Gruppen mit z.T. gewalttätigen Programmen allzuviel Prophetie bedurfte, um eine Zerstörung Jerusalems durch die Römer vorherzusagen, ist schwer zu sagen.

Warum so schüchtern?

Nun ist nicht einmal klar, ob im Text des Markusevangeliums überhaupt die Zerstörung des Tempels referenziert wird, da er und seine Jünger den Tempel ja gerade verlassen und somit die umgebenden Prachtbauten ansehen. Die Parallelstellen bei Matthäus und Lukas handeln aber zweifellos vom Tempel selbst. Auffällig ist jedoch, dass alle vier Evangelisten die Gelegenheit verstreichen lassen, triumphierend darauf hinzuweisen, dass der Tempel tatsächlich zerstört ist. Stattdessen berichten sie übereinstimmend, dass Jesus vom Niederreißen und Wiederaufbau des Tempels gesprochen und damit die Auferstehung gemeint habe.

Anders Justin der Märtyrer, der in seinem um 160 geschriebenen Dialog mit dem Juden Trypho die Zerstörung Jerusalems als Argument heranzieht, um Christus als das wahre und endgültige Opferlamm darzustellen, da nun in Jerusalem keine Opfer mehr vollzogen werden können. In spätantiken Predigten wird dann selbstverständlich die Verwirklichung der Prophetie ausgekostet.

Warum sollen die Evangelisten so schüchtern gewesen sein, diese eindrucksvolle Bestätigung Jesu nicht zu erwähnen, sondern stillschweigend vorauszusetzen? Und ausgerechnet das Evangelium, das regelmäßig als das jüngste angesehen wird, nämlich Johannes, verzichtet überhaupt auf die Erwähnung der Prophezeiung, wiewohl die Tempelreinigung erwähnt wird.

Freilich ist ein argumentum ex silentio problematisch. Vielen gibt jedoch auch die Stelle in Joh 5,2 zu denken, die im Präsens berichtet: „In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda.“ Seit der Zerstörung Jerusalems gibt es dieses Tor und die Säulenhallen nicht mehr. Ebenso interessant die Beschreibung der Sadduzäer in Lk 20,27 (sowie Mt 22,23; Mk 12,18) als existierende Gruppe, wiewohl sie mit dem Jüdischen Krieg vernichtet wurde. Oder die präsentische Beschreibung des Blutackers, der „bis heute“ so heiße, in Mt 27,8. Sehr eindringlich hier die Schilderung der Eintreibung der Tempelsteuer in Mt 17,24-27, die offenbar keiner näheren Erläuterung bedurfte2. Allgemein schreiben die Evangelisten nicht wie jemand, für den Jerusalem nur noch eine verlassene Ruine ist, sondern für den die Stadt immer noch ein Bezugspunkt ist.

Beispiel Finanzkrise

Schließlich darf man nicht vergessen, dass auch wir heutzutage ständig mit Vorhersagen konfrontiert sind, die keineswegs übernatürliche Quellen haben. Winston Churchill sah einen Eisernen Vorhang auf Europa niederfallen, Samuel Huntington rechnete mit einem schweren Konflikt in der Ukraine und mit der islamischen Welt, Nassim Nicholas Taleb warnte vor der Finanzkrise. Muss man deswegen die Rede Churchills umdatieren, das Publikationsdatum von Huntingtons „Kampf der Kulturen“ für falsch halten, Talebs Buch für eine Fälschung aus der Zeit der Krise?

Eben.

Wir wissen auch nicht, wie die überlieferte Prophezeiung vorher aufgefasst wurde. Immerhin gab es ja, wie schon erwähnt, eine kleine Tradition solcher Untergangsprophetien, deren Zweck nicht unbedingt die Voraussage eines konkreten Ereignisses war, sondern die moralische Umkehr der Zuhörer.

Es gibt viele Gründe, an einer apodiktischen späten Datierung des Neuen Testaments zu zweifeln. Die Tempelprophezeiung taugt als Indikator einer späten Evangeliendatierung jedenfalls nicht.


  1. Zu den diversen Theorien, in welcher Reihenfolge die Evangelien entstanden sind, siehe die umfassende Einführung von Stephen Carlson auf der „Synoptic Problem Website“
  2. Durchaus möglich, dass mit der Perikope eigentlich die Frage behandelt werden sollte, ob (jüdische) Anhänger Jesu Tempelsteuer zahlen sollten. 

Paris um 1735: Hörbar lebendig, lieblich, lärmend

Paris im 18. Jahrhundert: Das war, wie alle anderen großen Städte, ein lauter, geschäftiger Ort. Darin waren sich schon die Zeitgenossen einig. Wie laut, das versucht Mylène Perdoen zu rekonstruieren.

Die französische Wissenschaftlerin leitet das Projekt „Bretez“, benannt nach einem französischen Kartographen, der von 1734 bis 1736 einen detaillierten Plan der Stadt Paris im Auftrag des Stadtvorstehers Michel-Étienne Turgot erstellte, den sogenannten Plan de Turgot.

Dieser Plan war der Ausgangspunkt, von dem aus ein ganzes Team von Historikern, Soziologen und Graphikern die Geräusche des Grand Châtelet-Viertels um 1735 wieder zum Leben erwecken wollte. Zusätzlich zur Karte wurden historische Bilder und Stiche zu Rate gezogen, Hauspläne und Baubeschreibungen, zeitgenössische Schriftsteller und Archive.

Für den Ton wurden Geräusche von Maschinen und Gerätschaften der damaligen Art aufgenommen, vom Webstuhl bis zur Druckpresse; auch der Tiere, mit denen man zu rechnen hätte, wie Möwen und Fliegen. Lediglich der Ton der Wasserpumpe von Notre-Dame musste digital mit Hilfe einer alten Wassermühle digital rekonstruiert werden, da keine vergleichbare Pumpe gefunden werden konnte.

Es sind natürlich auch Menschen zu hören. So die fahrenden Händler mit ihrem berühmten „Pariser Schrei“, die Handwerker, die im Tageslicht arbeiten, Priester, die vorbeieilen, um jemandem die Sterbesakramente spenden, königliche Beamte und viele mehr.

Technisch war das Projekt sehr anspruchsvoll. So wurde die Umgebung, von der Anlage und Bauart eines Hauses bis zur Straßenbreite, berücksichtigt, um die Verbreitung und Hörbarkeit des Schalls richtig zu modellieren.

Einen interessanten Bericht kann man auf den Seiten des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) lesen. Das Projekt „Bretez“ findet unter dem Dach des CNRS statt.

Der Name der Rose: Drei Punkte, die mich magerln

Umberto Ecos „Der Name der Rose“ ist sicher einer der besseren Romane, die im Mittelalter angesiedelt sind. Eco spielt natürlich mit Klischees und arbeitet mit Anachronismen, die umso deutlicher werden, da er sich bemüht, einen authentisch klingenden Tonfall zu treffen. Doch wenn er augenzwinkernd die Hauptfigur Wittgenstein zitieren lässt, oder als Parellele zu Sherlock Holmes’ Watson den Gehilfen des ermittelnden Mönches Adson nennt, dann macht Eco klar, dass er mit Versatzstücken, Erwartungen und der Bildung des Lesers ein Spiel treibt. Das Mittelalters des Romans ist natürlich nicht das Mittelalter des 14. Jahrhunderts, sondern eine Projektion. Stephanie-Christina Kaiser hat das in einem Aufsatz an einigen Beispielen aufbereitet. Ein Roman will zudem eine Geschichte erzählen, der sich Details unterzuordnen haben. Beispielsweise hat keine Abtei des Mittelalters auch nur eine annähernd so gewaltige Bibliothek errichtet, vom Labyrinth ganz zu schweigen, doch für das Konzept des Romans ist das eben erforderlich.

Das vorausgeschickt, habe ich doch viele Jahre gebraucht, um zu bemerken, dass die Haupthandlung des Buches drei Schwächen hat, die gerade innerhalb der geschilderten Welt problematisch sind.

  1. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich die einzige Ausgabe einer Aristoteles-Schrift ausgerechnet in einer italienischen Abtei befindet.
  2. Selbstmord ist im Mittelalter keine Option. Angeordneter Selbstmord erst recht nicht. Es wird kein Grund angegeben, warum dies im projizierten Mittelalter des Romans anders sein soll.
  3. Der durchschnittliche mittelalterliche Intellektuelle hat zum Lachen und zum Humor eine ambivalente Haltung, doch gegen die Ansichten des Bibliothekars hätte es etliche zeitgenössische Argumente gegeben.

Aristoteles in Italien?

Aristoteles’ Werke waren im lateinischen Westen des frühen Mittelalters praktisch unbekannt. In den Wirren der Völkerwanderungszeit hatten gerade einmal die Übersetzungen und Kommentare des Boethius überlebt. Diese wurden mit Wiederaufleben des Schreibens und Lesens ab der Karolingik auch eifrig kopiert, rezipiert und auch übersetzt, z.B. um 1000 von Notker Labeo ins Deutsche. Griechische Originale waren unbekannt.

Eine breite Aristoteles-Rezeption begann erst über Spanien, wo arabische Aristoteles-Übersetzungen weiter ins Lateinische übertragen wurden. Bald bemühte man sich, bessere Übersetzungen durch direkten Zugriff auf griechische Quellen zu schaffen. Hier ist besonders Papst Urban IV. hervorzuheben, der solche Übersetzungen gefördert haben soll. Und Wilhelm von Moerbeke ist zu nennen, der auf Bitte des Thomas von Aquin viele Texte des Aristoteles vom Griechischen ins Lateinische übertrug.

Die „Lateinische Reiche“ in Griechenland, die nach der Eroberung Konstantinopels 1204 entstanden sind, mögen den Zugriff auf griechische Quellen erleichtert haben. Das ist aber pure Spekulation meinerseits.

Der mittelalterliche „Hype“ um Aristoteles hatte Ende des 12. Jahrhundertes begonnen und war im 13. Jahrhundert im vollen Gange. Dabei taten sich die Franziskaner als Gegner des Aristoteles, die Dominikaner als seiner Verteidiger hervor. Hätte eine Abtei in einer Zeit, in der die Verbreitung der Schriften des Aristoteles sogar vom Papst gefördert wurde, den unwahrscheinlichen Fall zu vermelden gehabt, dass sie eine Aristoteles-Schrift als einzige (!) besäße, so hätte das ungeheures Prestige bedeutet.

Nebenbei musste der mittelalterliche Bibliothekar das Herz haben, unliebsame Bücher zu recyclen, weil Schreibwaren exorbitant teuer waren. Wer also ein Buch nicht brauchen konnte, der schabte es einfach ab und verwendete die freien Pergamente für ein neues Buch.

Selbstmord ist keine Option

Gerade einem Mönch Selbstmord als Ausweg suchen zu lassen, widerspricht den Überzeugungen jener Zeit. Selbstmord als Ausweg anzuordnen, wie es dem Bibliothekar geschieht, erst recht. In der Passion kann sich selbst der Schächer noch retten, weil er sich vor dem Tode zu Christus bekennt; der Selbstmörder Judas Iskariot aber begibt sich jeder Möglichkeit der Reue und Umkehr und scheidet mit einer Untat aus der Welt. Freilich gab es im Mittelalter Selbstmorde — aber sie haben in der Umgebung blankes Entsetzen hervorgerufen.

Bernard Gui lacht

William von Baskerville, die Hauptfigur des „Namens der Rose“ mit dem ironischen Sherlock-Holmes-haften Namen, hätte gegen den blinden Bibliothekar Jorge von Burgos1 mächtigere Argumente zur Hand gehabt, als er im Buch verwendet.

Verhöhnen, Spott und derbe Scherze, die im Mittelalter recht verbreitet waren, entsprechen nicht gerade dem christlichen Ideal. Und schallendes Gelächter ist mit dem Ideal eines ausgelichenen, ruhigen, in Gott versunkenen Menschen wohl nicht vereinbar. Zudem ist Lachen oft ein Auslachen – keine christliche Tugend.

Und doch hat etwa Bernard Gui festgestellt, dass jeder rechtschaffene Mensch zumindest einmal am Tag gescherzt haben sollte. Ja, der Bernard Gui, dessen Name bei Umberto Eco für den bösartigen Rivalen des William von Baskerville herhalten muss, der mit untauglichen Mitteln ebenfalls versucht, die Verbrechen zu klären und dabei drei Menschen den Tod bringt. Der echte Bernard Gui war ein sehr geschätzter, sehr gebildeter Mensch, der auch ein reiches historisches und hagiographisches Oeuvre hinterlassen hat. Und eben diese Weisheit.

Auch Thomas von Aquin — über den Bernard Gui eine Biographie verfasst hat — wusste vom grundsätzlichen Wert von Scherz und Spiel, wenn es in rechtem Maß betrieben würde. In der Summa Theologiae bemüht er eine Geschichte des hl. Johannes des Evangelisten, der mit seinen Schülern gespielt habe. Als ihn einige Leute deswegen rügten, fragte er zu einem der Leute, der einen Bogen trug, ob er ein paar Pfeile schießen könnte. Das tat der. Darauf fragte Johannes, ob er das ununterbrochen weiter tun könne. Das verneinte der Mann, weil dann der Bogen bräche. So sei es auch mit dem Geist, der hin und wieder Entspannung brauche, soll darauf Johannes erläutert haben.

Ja, für kontemplative Mönche sind übermäßige Gefühlsregungen zu meiden. Wer nichts Unnötiges schwätzen soll, wie es die Benediktsregel fordert, soll wohl auch keine Witze erzählen. (Noch dazu, wo der Witz jener Zeit eher selten die feine Klinge war.) Geschwätz, das zum Lachen reizt, soll gemieden werden. Doch schreibt Benedikt in den Ordensregel über die Stufen der Demut, dass — in einer der höchsten Stufen! — der Mönch nicht leicht und rasch ins Lachen verfallen soll. Auch soll er ruhig und demütig, ohne Geschrei und ohne Lachen reden. Aber „nicht leicht und rasch“ heißt eindeutig nicht: „nie“.

Wie der Abt von Engelberg, Christian Mayer OSB, erklärt:

„Ordensgründer Benedikt verbietet das Lachen nicht. Was er nicht will, ist oberflächliches Lachen. Ein Lachen, das aus dummen Witzen, herablassendem Gespräch über andere oder aus Langeweile entspringt. Das wohlwollende Lächeln, das gütige Schmunzeln oder auch das herzhafte Lachen gehören zum Klosteralltag dazu. Benedikt schreibt im vierten Kapitel über die ‚Werkzeuge der geistlichen Kunst‘: ‚Seinen Mund vor bösem und verkehrtem Reden hüten. Das viele Reden nicht lieben. Leere oder zum Gelächter reizende Worte meiden. Häufiges oder ungezügeltes Gelächter nicht lieben.‘ Sie sehen, er vermiest uns also nicht das Lachen an sich.“

Freilich: Im frühen Mittelalter war die Identifizierung von Lachen mit Spott, Hohn und Auslachen sehr stark. Viele Texte schärften den Mönchen daher ein, auf Lachen zu verzichten, wobei die Textwendungen jeweils deutlich machen, das oft die dahintersteckende Selbstüberhebung und Maßlosigkeit als Problem gesehen wird.

Die Unterscheidung in gutes, fröhliches und schlechtes, abwertendes Lachen hatte aber die Scholastik gerade im 13. Jahrhundert wiederentdeckt und wäre daher 1327 den gebildeten Kontrahenten mehr als geläufig gewesen. Dabei konnten die Scholastiker auch auf die Bibel zurückgreifen, in der sich beide Formen des Lachens finden.

Schließlich geht das sogenannte Osterlachen mindestens bis ins 14. Jahrhunder zurück: Der Brauch, dass der Priester zu Ostern in der Predigt eine erheiternde Geschichte erzählt, um die Freude über Ostern noch einmal sinnfällig zum Ausdruck zu bringen. Dabei wurde auch öfter der Leibhaftige verspottet, wie es der blinde Bibliothekar im „Namen der Rose“ fürchtet. Offenbar glaubte schon im 14. Jahrhundert niemand, dass Lachen über den Versucher zur Gottlosigkeit führen würde. Der Ernst der Aufklärung hat diesen Brauch allerdings wieder aus den Kirchen verbannt, in den protestantischen Gebieten bereits die Reformation, die mit Scherzen in der Kirche nichts anfangen konnte.


  1. Eine Anspielung auf Jorge Luis Borges, selbst Direktor der Argentinischen Nationalbibliothek und Autor u.a. der berühmten „Bibliothek von Babel“ 

Die Stalinisten der „Volksstimme“? Eh ganz brav.

Die Erforschung, Sichtung und Sammlung der Biographien der Redakteure des kommunistischen Parteiorgans „Die Volksstimme“ in den Jahren 1945 bis 1956 durch Maria Bianca Fanta ist mit Sicherheit eine Fundgrube für alle an der Geschichte Nachkriegsösterreichs Interessierte.

Der zugehörige Artikel auf science.orf.at ist allerdings ein Beispiel für die Gefahr der Geschichtsvergessenheit. Der Eröffnungsabsatz allein mag dafür schon genügen:

„Keine andere Zeitung in Österreich war nach 1945 so antifaschistisch wie die „Volksstimme“. Ihre Redakteure waren oft Nazi-Vertriebene und überzeugte Kommunisten, deren Glaube erst 1956 erschüttert werden sollte.

Sie waren nicht bloß überzeugte Kommunisten: Sie waren linientreue Stalinisten, die ein verbrecherisches Regime nicht nur unterstützt haben, sondern am liebsten auf Österreich ausgeweitet hätten. Wohl mit aller blutiger Konsequenz, wie sie ja auch in den späteren Warschauer Pakt-Staaten im Zuge der jeweiligen Machtergreifungen durchgezogen wurde.

Die „Volksstimme“ war antifaschistisch im Sinne der von der KPdSU ausgehend geprägten Diktion. Natürlich wurde der Begriff des Antifaschismus in der Zwischenkriegszeit vor allem in Italien tatsächlich als Sammelbegriff für Gegner des real existierenden Faschismus geprägt. Doch bereits in derselben Zeit wurde durch Kommunisten und manche Sozialdemokraten eine Ausweitung des Begriffs „Antifaschismus“ vorgenommen, die eine Gegnerschaft zum Kapitalismus miteinschloss. Dahinter stand die krude These, dass die totalitären Regime des Faschismus und die vom Liberalismus geprägte freie Marktwirtschaft ursächlich zusammengehören würden. Das bürgerliche Lager wird mit dem Faschismus in einen Topf geworfen, ja sogar die Sozialdemokraten, die „Sozialfaschisten“ genannt wurden. Diese Begriffsüberdehnung wurde erst verworfen, als in einigen Ländern ein Bündnis mit Sozialdemokraten opportun erschien. Trotzdem blieb die These, dass Faschismus und liberale Demokratie Erscheinungsformen des Kapitalismus seien. Wenn man diese Thesen teilt, kann man die „Volksstimme“ natürlich antifaschistisch nennen.

Hier hat wohl Kurt Schumacher klarsichtiger analysiert. Der erste Vorsitzender der Nachkriegs-SPD, der während der NS-Zeit viele Jahre in Haft war und schwerste Misshandlungen erlitt, meinte 1930 auf einer Rede:

„Die Nationalsozialisten geben sich schroff antikapitalistisch. Die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital ist unmöglich. […] Der Weg der leider ziemlich zahlreichen proletarischen Hakenkreuzler geht über die Kommunisten, die in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten sind. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für die Gewalt. Die Kommunisten zumal, die nur in ökonomisch und kulturell zurückgebliebenen Ländern Fortschritte machen konnten, sind die stehenden Heere der sowjetrussischen Außenpolitik.“

Dass die Kommunisten selbst am Vorabend der NS-Diktatur lieber die Sozialdemokraten als „Stütze der Kapitaldiktatur“ attackierten, hat Schumacher nicht verwunden. Der Hitler-Stalin-Pakt hat ihm endgültig bewiesen, wie wenig vom „Antifaschismus“ der Kommunisten zu halten ist. Deswegen verwarf 1945 auch Ideen einer sozialistischen Einheitspartei, die mit den Stalin-treuen Kommunisten eben nicht zu machen wäre.

Was Kurt Schumacher bemerkte, haben wohl auch die „Volksstimme“-Redakteure bemerkt. Trotzdem wird erst das Jahr 1956 als Schock vermerkt. Die Machtergreifungen in Ungarn und der Tschechoslowakei, die Blockade von Berlin, die Niederwerfung der Arbeiterunruhen in der DDR, ja, die selbst in Österreich spürbaren Unterschiede zwischen den Westzonen und der sowjetischen Zonen waren alle offenbar kein Grund, an der eigenen Position zu zweifeln. Im Text wird dies auch nicht problematisiert und ein Geschichtsbild entworfen, das in etwa dem der NS-Sympathisanten gleicht, die auch nach dem Krieg nichts gewusst haben wollen. Wie hätten die treuen Kader denn nur vor Chrustschows Geheimrede ahnen können, wie brutal Stalins Regime war, so scheint der Subtext zu lauten.

Österreich stand zwischen 1945 und dann wieder 1950 besonders in Gefahr, ein sowjetischer Satellit zu werden. Die gerade beginnende Einpflanzung der Demokratie in Österreich hätte ganz schnell auch wieder zu Ende sein können, wenn sich die KPÖ der Stalin-Ära durchgesetzt hätte. Wer sich als Proponent einer Entwicklung hin zur nächsten totalitären Diktatur geriert hat, sollte schon aus Respekt vor den Opfern des Totalitarismus nicht verharmlost oder gar glorifiziert werden.

Eine Kurzrezension des Buches gibt es übrigens beim Falter.

Georg Christoph Wagenseil: Zum 240. Todestag des Komponisten

Georg Christoph Wagenseil starb vor 240 Jahren am 1. März 1777 in Wien. Er war zu Lebzeiten ein überaus geschätzter Komponist; mit des Wiederentdeckung der Musik des Barocks und Rokoko in den letzten Jahrzehnten kehren auch seine Werke ab und zu in den Konzertsaal zurück. Hier z.B. eine spritzige Symphonie in G-Dur:

Wie das Österreichische Musiklexikon berichtet, war der 1717 geborene Wagenseil Schüler beim langjährigen Organisten der Wiener Michaelerkirche, Johann Adam Wöger, bei Matteo Palotta, einem italienischstämmigen Komponisten vorwiegend geistlicher Musik, und beim damaligen Titanen der Wiener Musik, Hofkapellmeister Johann Joseph Fux. Fux war auch einer der führenden Musiktheoretiker seiner Zeit; sein Lehrbuch „Gradus ad Parnassum“ wird auch heute gelesen und rezipiert.

Die gute Ausbildung machte sich bezahlt. 1739 wurde er Hofkomponist, bald unterrichtete er auch die Kinder Maria Theresias; damals gehörte zum guten Klavierunterricht immer auch eine Schulung in Improvisation und etwas Kompositionslehre. Für diese Kombination war er prädestiniert. Er wirkte als Lehrer vieler aufstrebender Musiker, und andere verwendeten seine Werke zum Unterricht. So Leopold Mozart, der z.B. in Nannerls Notenbuch ein Scherzo von Wagenseil aufgenommen hat, und auch sonst Stücke des Hofkomponisten üben ließ.

Daher konnte der kleine Wolfgang Amadeus Mozart bei seinem Auftritt vor Kaiserin Maria Theresia1 ein Stück von Wagenseil vorspielen, und der Komponist selbst half dem Knaben beim Umblättern der Seiten. Auch in London spielte der kleine Mozart Musik von Wagenseil bei seinem Auftritt vor dem König.

Auf Grund fortschreitender Gicht musste Wagenseil sich 1764 aus den Hofdiensten zurückziehen, wobei er aber weiter eine großzügige Dotation erhielt. Er blieb bis zum Tode musikalisch und pädagogisch aktiv, sofern es eben seine Erkrankung zuließ.

Als Hofkomponist konnte er sein Können an einer große Bandbreite von Musikstücken beweisen, von intimen Triosonaten bis zu Opern, von der Klaviersonate bis zu 100 Symphonien2, auch Kantaten und Messen durften nicht fehlen. Leider ist der Großteil seiner Werke nie gedruckt worden. Einiges kann man hier bei IMSLP entdecken.

Zum Ausklang noch ein Streichtrio von Wagenseil, das doch ganz anders als die obige Symphonie daherkommt:


  1. Für die Besserwisser: Sie selbst ließ sich auf Inschriften nach der Kaiserkrönung ihres Gatten als Imperatrix, „Kaiserin“, bezeichnen (So z.B. auf der Umschrift des Maria-Theresien-Talers). Also dürfen wir es ruhig auch. 
  2. Die Zahl variiert je nach Beurteilung zweifelhafter bzw. zugeschriebener Symphonien.