Das Kreuz mit dem Kreuz im Gerichtssaal

Manchmal komme ich mir wie eine alte Schallplatte vor, die immer wieder das gleiche wiedergibt. Aber anscheinend muss es sein, weil man auch immer wieder der gleiche Unsinn quasi unausrottbar aus allen möglichen Orten hervorquillt.

So fordert Nikolaus Scherak von den NEOS wieder einmal, alle religiösen Symbole in der Justiz strikt verbieten zu wollen und jeden religiösen Bezug zu eliminieren, da das mit einem säkularen Staat nicht vereinbar sei. Insbesondere die Ablegung des Eides mit religiöser Form ist ihm ein Dorn im Auge.

Nun hat er die Besonderheit dieses Eides anscheinend nicht verstanden, aber das ist nur ein Nebenschauplatz.

Der Hauptschauplatz ist die Behauptung, dadurch wäre die Justiz weltanschaulich neutral. Das ist so offensichtlicher Humbug, dass man sich nur an den Kopf greifen kann.

Wie ich schon andernorts ausgeführt habe, sind die Gesetze immer Ausdruck der vorherrschenden Weltanschauungen, deren Wertungen sie widerspiegeln. Nun kann man sagen: Im heutigen Österreich dominieren längst andere Weltanschauungen, weswegen wir uns der christlichen Symbole entledigen sollten. Damit wird es aber nicht weltanschaulich neutral, nur anders. Und der Richter kann sich seiner Weltanschauung nicht entledigen — kann man ohne Weltanschauung überhaupt Urteile irgendeiner Art fällen? –, nur weil er etwas nicht tragen darf, ebenso der Schöffe. Was ihm richtig erscheint, wird sich dadurch nicht ändern.

Letztendlich geht es in der Symbolik natürlich um die Frage: Gibt es über das gesatzte Recht hinaus irgendeinen höheren Maßstab. Streng säkular gesprochen: Nein. Recht ist, was diejenigen, die wir als Gesetzgeber anerkennen (müssen), dazu machen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Dieser strikte Rechtspositivismus ist aber schon seit den Greueln des NS-Regimes diskreditiert — in Deutschland war hier die Radbruch’sche Formel gegen eklatant gerechtigkeitswidrige Gesetze wirkmächtig. Eine Formel, die übrigens keinen Sinn ergibt, wenn jede Moral, jede Vorstellung von Gerechtigkeit nur ein beliebiges Konstrukt ist.

Das Kreuz im Gerichtssaal erinnert daran, dass menschliche Justiz zwar nur menschlichen Maßstäben folgt, es aber über dem gesatzten Recht stehende Prinzipien von Gerechtigkeit gibt (aber auch Barmherzigkeit, würde Papst Franziskus sicher ergänzen). Nicht der schiere Wille des Gesetzgebers bestimmt, was Gerechtigkeit ist. Und jeder, der ein Urteil fällt, eine Zeugenaussage trifft, verteidigt oder anklagt, trägt dabei eine Verantwortung. Doch vor wem verantwortet er sich?

Ja, vor wem?

Cyrill von Jerusalem: Verlasse die Gegenwart, vertraue auf die Zukunft!

Cyrill von Jerusalem

Cyrill von Jerusalem

Der hl. Cyrill von Jerusalem (* ~ 315, † 386) litt wie sein Zeitgenosse Hilarius von Poitiers unter den Versuchen der Arianer, mit Hilfe des Kaiserhofs die Orthodoxie niederzuringen. So wurde Cyrill zwar 350 zum Bischof von Jerusalem geweiht, musste aber 357, 360 und 367 jeweils ins Exil gehen. Die letzte Verbannung dauert gar bis 378, erst dann durfte er wieder zurück nach Jerusalem.

Seine eigene Position in den kirchlichen Wirren jener Zeit ist nicht restlos geklärt; unbestritten ist, dass das Werk, das er uns hinterlassen hat, von höchstem Wert ist: Neunzehn Katechesen für die Taufkandidaten; fünf Katechesen für die Getauften; ein Brief an Kaiser Constantius II. über eine Vision des Kreuzes Christi in Jerusalem.

Seine Katechesen sind klar und verständlich. Auch wenn uns der Stil und sprachliche Kontext jener Zeit völlig fremd scheinen mag, kann uns Cyrill auch heute noch mitten ins Herz treffen. Sie bezeugen uns auch, dass die hl. Messe schon in jener Zeit fast genauso gefeiert wurde wie Jahrhunderte später, wie man insbesondere in der fünften mystagogischen Katechese über die Opfermesse lesen kann.

Hier ein kurzer Ausschnitt aus der ersten Katechese, in der er die Taufkandidaten am Beginn der Fastenzeit zu geistlichen Übungen und zur Beichte anregt:

Jetzt ist die Zeit zu beichten. Beichte, was du in Wort und Tat, bei Nacht und bei Tag begangen hast! Beichte zur rechten Zeit und nimm hin am Tage des Heiles den himmlischen Schatz! Empfange fleißig die Exorzismen! Wohne eifrig den Katechesen bei und merke dir, was man da sagt! Die Worte sind nicht bloß fürs Ohr, sie sollen vielmehr von dir im Glauben versiegelt werden. Alle menschliche Sorge lege beiseite! Der Seele wegen läufst du. Von dem, was zur Welt gehört, nimmst du vollständig Abschied. Was du verabschiedest, ist gering; groß ist, was dir der Herr schenkt.

Verlasse die Gegenwart, vertraue auf die Zukunft! Während deines wertlosen Dienstes für die Welt haben schon so viele Jahre ihren Kreislauf vollendet, und nicht willst du vierzig Tage der Seele widmen? „Gönnet euch Ruhe und erkennet, daß ich Gott bin!“ sagt die göttliche Schrift1. Vermeide das viele unnütze Sprechen! Verleumde nicht, höre auch nicht Verleumdungen gerne an, sei vielmehr bereit zum Gebet! Deine geistlichen Übungen mögen zeigen, wem du gestorben bist. Reinige dein Gefäß, damit du noch mehr Gnade erhaltest! Nachlassung der Sünden wird allen in gleicher Weise verliehen, der Hl. Geist aber wird dem einzelnen seinem Glauben entsprechend zuteil. Wer sich wenig plagt, erhält wenig; wer viel arbeitet, hat großen Lohn. Laufe du für dich, schaue auf deinen Nutzen!

Hast du etwas gegen jemanden, so verzeihe ihm! Du kommst, um Nachlassung der Sünden zu erhalten: auch du mußt dem Sünder vergeben. Wie willst du denn zum Herrn sagen: „Vergib mir meine vielen Sünden!“ wenn du deinerseits dem Mitknechte nicht einmal seine wenigen Sünden verzeihest?2

Finde dich eifrig bei den Versammlungen ein! Nicht bloß jetzt, da die Geistlichen dich zum Eifer antreiben, sondern auch später, wenn du die Gnade schon empfangen hast. Ist etwas gut, ehe man etwas erhält, sollte es denn nicht auch nach dem Empfange gut sein? Wenn es vor dem Einpfropfen ratsam war, zu gießen und den Boden zu pflegen, ist es nach dem Verpflanzen nicht noch viel besser?

Kämpfe für deine Seele, vor allem in solchen Tagen! Weide deine Seele mit göttlicher Lektüre! Geistlichen Tisch hat dir der Herr bereitet. Sprich auch du mit dem Psalmisten: „Der Herr weidet mich, nichts wird mir fehlen. Auf Weideplätzen läßt er mich lagern, an erfrischenden Wassern zieht er mich groß, meine Seele führt er zu sich“3.

Die Engel sollen sich mit euch freuen, und Christus selbst, der große Hohepriester, möge in Anerkennung eurer guten Gesinnung euch alle dem Vater vorstellen und zu ihm sagen: „Hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat“4. Möge er euch alle in seinem Wohlgefallen erhalten! Ihm sei Ehre und Macht in die endlose Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.

Da spricht Cyrill auch zu uns in der Fastenzeit: Jetzt ist die Zeit — und wann, wenn nicht jetzt wollen wir vierzig Tage der Seele widmen?

as


  1. Ps 45,11. Im Kontext: Kommt und schaut die Taten des Herrn, der Furchtbares vollbringt auf der Erde. / Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde. / ‚Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin, erhaben über die Völker, erhaben auf Erden.‘ / Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsre Burg. (Ps 45,9-12) 
  2. Vergleiche das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger, Mt 18,23-35. 
  3. Ps 22,1-3. Einheitsübersetzung: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. / Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. / Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. 
  4. Jes 8,18; Hebr 2,13. 

Middlebury oder: Die Modernen glauben, ohne zu wissen, dass sie es glauben

Gilbert Keith Chesteron hat einmal notiert: „Das besondere Zeichen der modernen Welt ist nicht, dass sie skeptisch ist, sondern dass sie dogmatisch ist, ohne es zu wissen. Sie sagt, in Verspottung der alten Gläubigen, dass sie geglaubt haben ohne zu wissen, warum sie geglaubt hätten. Doch die Modernen glauben, ohne zu wissen, was sie glauben — und sogar ohne zu wissen, dass sie es glauben.“

Warum nur kommen mir diese Zeilen beim Geschehen in Middlebury in den Sinn, als linke Studenten einen öffentlichen Vortrag des Soziologen Charles Murray nicht nur durch Rufen und Klopfen verhindern wollten, sondern offenbar vor hatten, ihn und seine Begleiter zu verprügeln. Charles Murray beschreibt die absurden Ereignisse lebhaft. Es wird in den USA immer häufiger, was Murray so beschreibt:

Mitte der Neunziger konnte ich auf Studenten zählen, die zuhören wollten, dass sie nach einem gewissen Punkt den Störern zuzurufen anfangen würden: „Setzt euch und seid ruhig, wir wollen hören, was er zu sagen hat.“ Diese Art des Gegenprotests hatte einen Effekt. Sie erinnerte die Demonstranten daran, dass sie in der Minderheit waren. Mir wurde von den Leuten in Middlebury versichert, dass ihre Protestgruppen ebenfalls in der Minderheit sind. Aber sie sind eine Minderheit, die die Mehrheit eingeschüchtert hat. Die Leute im Publikum, die mich reden hören wollten, waren völlig verschreckt. Das darf nicht zugelassen werden. Ein Campus, an dem die Mehrheit der Studenten Angst hat, offen zu sprechen, weil sie weiß, dass eine Minderheit auf sie losgehen wird, ist kein intellektuell freier Campus in irgendeiner sinnvollen Art und Weise.

Das ist natürlich der Sinn dieser „Proteste“: Die Spannweite des akzeptablen Diskurses soweit einschränken, dass quasi nur mehr die eigene Meinung übrigbleibt. Zuerst waren es nur „Safe Spaces“ für Menschen, die andere Meinungen nicht aushalten; dann kam die „Trigger-Warnung“. Nach dem Niederbrüllen bleibt nur noch rohe Gewalt über. Diese Praxis greift in den USA immer mehr um sich und wird in europäischen Medien in der Regel wohlwollend zur Kenntnis genommen, da meist Konservative zum Schweigen gebracht werden sollen. In den USA aber wächst das Unbehagen auch unter vielen Linksliberalen wie etwa Jonathan Haidt über die geistige Verengung und Diskursunfähigkeit an vielen US-Unis.

So analysiert William Deresiewicz, sicher kein Konservativer, im American Scholar, dass viele liberale Colleges zu „religiösen Schulen“ geworden wären:

Was bedeutet es zu sagen, dass diese Institutionen religiöse Schulen sind? Erstens, dass sie ein Dogma besitzen, ungeschrieben, aber von allen angenommen: Ein Satz „korrekter“ Meinungen und Glaubenssätze, oder im besten Falle eine schmale Bandbreite, innerhalb der Uneinigkeit erlaubt ist. Es gibt eine richtige Art zu denken und eine richtige Art zu sprechen, und auch eine richtige Auswahl von Gegenständen, über die man nachdenkt und spricht. Säkularismus wird für selbstverständlich gehalten. Umweltschutz ist eine heilige Sache. Themen der Identität — im wesentlichen die heilige Dreifaltigkeit von Rasse, Gender und Sexualität — stehen im Zentrum der Debatte. […] Die grundsätzlichen Fragen, die eine College-Erziehung stellen sollte — Fragen der einzelnen und kollektiven Tugend, was es meint, eine gute Person und eine gute Gemeinschaft zu sein — werden für entschieden gehalten. […]

Deresiewicz berichtet von Studenten, die Angst haben, Fragen zu stellen, weil sie nur bei einem Verdacht, politisch unkorrekt zu sein, zum Paria werden; von der Suche nach Häresien, die von eifrigen Studenten ausgemerzt werden; vom Wettlauf, noch korrekter zu sein als die anderen. Studenten würden an manchen Universitäten nicht mehr über ein Thema diskutieren, sondern nur mehr, warum diese oder jene politisch korrekte Position als einzige vertreten werden dürfe.

Hier geht es nicht um wehleidiges Gejammere irgendwelcher Randständiger — hier geht es bereits um den Kern des freien Denkens, das in den mittelalterlichen Universitäten von Paris und Bologna mehr gefördert wurde, als sich ein Student von Middlebury für seine Uni überhaupt vorstellen kann. Freilich halten sich die Gläubigen dieser modernen Dogmen oft für ungemein kritisch, säkular und vernunftbasiert. Womit wir wieder beim Eingangszitat von Chesterton wären.

(via Steven A. Pinker)

Andreas Gryphius: Ein Sonett der Verklärung

Zum Abschied des heutigen Sonntags darf ich ein Sonett des Barockdichters Andreas Gryphius einstellen, dass er für den Tag der Verklärung Jesu am Berg Tabor geschrieben hat. Da der heutige Sonntag die gleiche Evangelienstelle gebracht hat, passt es aber ebenso gut. Der Text ist eine orthographisch modernisierte Form des Sonetts, wie es sich auf zeno.org finden läßt.

Auf den Tag der Verklärung Jesu

Gleich wie das Heil der Welt, mit hellem Glanz umgeben,
Auf Tabors1 Spitze steht, wie seiner Kleider Licht
Hellstrahlende verblendt der Jünger Angesicht,
So scheint, wer Christum liebt, in neu-verklärtem Leben.

Hier schaust du Mosen nur mit dem Thesbiten2 schweben
Kaum einen Augenblick. Dort fliehn die Engel nicht;
Dort ist der Haufen der geheime Ding’ ausspricht;
Dort sind, die Gottes Ruhm mit freiem Mund erheben.

Hier hat des Himmels Fürst mit Wolken sich umdeckt,
Hier wird durch seine Stimm’ der Jünger Herz erschreckt;
Dort hört man seinen Trost, dort kann man klar Ihn schauen.

Wenn hier ein einig3 nun so fröhlich Petrum macht:
Was wird wohl ewig tun? Drum eilt ihr Leut’ und wacht,
und lasst uns fröhlich dort, nicht hier die Hütten bauen.


  1. Der Berg, auf dem die Verklärung stattgefunden hat, wird nach alter Überlieferung mit dem Berg Tabor identifiziert. 
  2. Ein Beiname des Propheten Elija, nach seiner Heimatstadt. 
  3. einig: Alter Ausdruck für einzig 

Denk an Dein Erbarmen! Zum 2. Fastensonntag.

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Verklärung des Herrn auf einem Glasfenster der Kathedrale Saint-Front in Périgueux

Der zweite Sonntag der Fastenzeit heißt auch „Reminiscere“. Dieser Name folgt dem Eingangsvers, einem kurzen, redaktionell umgestellten Abschnitt aus Psalm 24 (25). Jahrhundertlang gaben diese Eingangsverse jeder Messe ein besonderes Gepräge. Nun werden sie in der Regel durch Eingangsgesänge verdrängt. Es lohnt sich aber weiterhin, über diese kurzen Passagen nachzudenken, die einen auf das Geschehen des Sonntags einstimmen sollen.

Introitus (Ps 24, 6.3.22.2)1 Eingangvers2
Reminiscere miserationum tuarum, Domine, Denk an dein Erbarmen, Herr,
et misericordiæ tuæ, quæ a sæculo sunt: und an die Taten deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.
ne umquam dominentur nobis inimici nostri: Lass unsere Feinde nicht triumphieren!
libera nos, Deus Israel, ex omnibus angustiis nostris. Befreie uns, Gott Israels, aus all unseren Nöten.
Ad te, Domine, levavi animam meam: (Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele,
Deus meus, in te confido, non erubescam. Mein Gott, auf dich vertraue ich. Lass mich nicht scheitern.)

Es ist, wie so oft in den Psalmen, ein vertrauensvoller Hilferuf: „Denk an Dein Erbarmen“ — aber auch an die „Taten Deiner Huld, denn sie bestehen seit Ewigkeit.“ In der Fastenzeit bitten wir den Herrn besonders um Vergebung und sein Erbarmen, aber wir bereiten uns dabei auf Ostern vor, ein Fest, an dem wir eine geradezu unfassbare Tat Gottes feiern, deren Wurzeln bereits im Beginn der Schöpfung liegen. (Kol 1,12-20; Eph 1, 3-14; Joh 1,1-18) Freilich ist auch die Verklärung selbst eine Tat dieser Huld, wie im 2. Petrusbrief eindrucksvoll geschildert wird:

Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen.

Gerade die Fastenzeit ist auch eine Zeit, seine inneren und äußeren Feinde zu stellen, womit in diesem Zusammenhang alles gemeint ist, das einen von Gott entfernt. Das Fasten dient ja gerade auch diesem Zweck, den Blick auf die eigenen Verhältnisse, Abhängigkeiten und Verhaltensweisen zu schärfen. Wo tue ich Unrecht, bin aufgeblasen, überheblich, rücksichtslos? Was hindert mich, zu erkennen und zu tun, was Gott will und für mich vorhat? Aber ohne Gottes Hilfe werden wir es nicht schaffen, über „unsere Feinde zu triumphieren“.

Dieser Eingangsvers passt aber nicht nur zur Fastenzeit allgemein, sondern auch sehr gut zum Evangelium von der Verklärung, weil er einen besonderen Anruf Gottes als „Gott Israels“ enthält, der uns aus allen unseren Nöten befreit. In der Verklärung wird Jesus in besonderer Weise in die Tradition des Judentums gestellt, begegnet er doch Moses, der die Israeliten aus Ägypten geführt und ihnen die Zehn Gebote überbracht hat, und Elija, den Propheten, der den Glauben an Gott unter größter Gefahr für sich selbst im ungläubig gewordenen Israel verkündet hat und in den Himmel entrückt wurde. Das Gesetz und die Propheten Israels sollen in Jesus ihre Erfüllung und Verklärung finden, nicht ihre Aufhebung. (Mt 5,17)

Warum mit der Liturgiereform das Vertrauen in Gott und die Bitte, nicht zu scheitern, aus dem Introitus gestrichen wurde, weiß ich nicht. (Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.) Denn sie runden diese Eröffnung ab: In der Messe sollen wir unsere Seele zum Herrn erheben, auf den wir unser ganzes Vertrauen setzen. Er wird uns dann nicht beschämen (erubescam) und scheitern lassen, wenn wir uns nur auf ihn einlassen.

Zur Verklärung habe ich schon einmal einen Text Ephräm des Syrers gebloggt, einen Abschnitt aus dem Lukaskommentar des hl. Ambrosius und einen Ausschnitt aus einer Predigt Leo des Großen.


  1. Nach dem Missale Romanum bis 1970 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt. 

Heil’ges Kreuz reloaded

Seit Pflanzung des Hollerbuschs habe ich über 1.600 Blogeinträge verfasst. Dabei entdecke ich selbst immer wieder etwas Neues, wenn ich die alten Einträge durchstöbere. Oder andere entdecken es für mich. Diesmal hat mich die Blogstatistik darauf gestoßen, dass viele Menschen gerade in der Fastenzeit meinen alten Eintrag zum Volksmissionslied „Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret“ aufsuchen, den ich selbst längst vergessen habe. Im Wesentlichen war dort der Text des Liedes zu finden.

Wie ich seit kurzem weiß, lautete das Lied ursprünglich ein wenig anders: Der Liedtext war um zwei Strophen länger, einige Wendungen unterscheiden sich deutlich und der Refrain bestand ursprünglich nur aus zwei Zeilen, die wiederholt wurden. Wer selbst vergleichen will, kann jetzt beide Liedfassungen hier in der ausgebauten Version des Eintrags lesen.

Sie erkannten, dass sie nackt waren

Sündenfall (Bischofskapelle in Gurk)

Sündenfall (Bischofskapelle in Gurk)

Am 1. Fastensonntag dieses Jahres begegnet in der ersten Lesung die Geschichte vom Sündenfall. Sie beschäftigt die Menschen seit Jahrhunderten, weil sie viel über den Menschen an sich verrät.

Adam und Eva, diese Archetypen des Menschengeschlechts, leben im sprichwörtlichen Paradies, einem Ort des Friedens, der sicheren Nahrung und des ewigen Lebens. Doch es fehlt ihnen an der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie wissen die Güter, die sie haben, nicht zu schätzen, sie sind aber auch nicht in der Lage, vorsätzlich etwas Böses zu tun. Aus diesem geradezu kindlichen Zustand stößt sie die Schlange, die schon in vielen ältesten Kommentar als der Verderber identifiziert wurde, der sich der Schlange nur bemächtigt habe oder im Bild der Schlange beschrieben werde.

Doch die Erkenntnis, die sie durch die Schlange gewinnen, vertreibt sie notwendigerweise aus dem Paradies. Die Unbeschwertheit ist dahin, das Wissen um die eigene Beschränktheit, Unzulänglichkeit und Bosheit dagegen erschreckend. Sie mussten erkennen, dass sie nun wahrhaft nackt dastanden.

Wie der Tora-Kommentar des jüdischen Gelehrten Raschi sagt: „Sie erkannten, dass sie nackt waren — auch der Blinde weiß es, wenn er nackt ist; was bedeutet also, sie erkannten, dass sie nackt waren? Eine Pflicht hatten sie in ihrem Besitz gehabt, und sie hatten sich derselben entkleidet.“

Ungehorsam war das Tor zur Erkenntnis von Gut und Böse, die die Option zum vorsätzlich Bösen eröffnet. Eine Welt, in der diese Option im Raum steht, kann aber kein Paradies sein.

G.K. Chesterton schreibt in seinem Buch „Orthodoxie“, dass die Erbsünde der einzige Teil der christlichen Lehre sei, der wirklich bewiesen werden könne. Die eindeutig beobachtbare Fähigkeit der Menschen zu bösen, grausamen Handlungen zeige die Trennung der Menschen von Gott auf. Eine Trennung, die in der Geschichte vom Sündenfall so sinnfällig erzählt wird.