Fällt der freie Karfreitag für Evangelische?

Ist es eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung, wenn evangelische Arbeitnehmer, die am Karfreitag einen Feiertagszuschlag erhalten, andere Arbeitnehmer aber nicht? Oder ist es sogar vielmehr eine Maßnahme zum Schutz der Freiheit der Religionsausübung? Vor diese Frage sieht sich der österreichische Oberste Gerichtshof gestellt, der — völlig richtig — ein Vorabentscheidungsersuchen an den EuGH gestellt hat.

Völlig richtig, weil in diesem Fall unionsrechtlich argumentiert wird, es aber keine Präzedenzfälle gibt, auf die sich der OGH berufen könnte, wie Wolfgang Mazal im Ö1-Morgenjournal erläuterte. Keineswegs hat der OGH „nicht allein entscheiden will“ und die Entscheidung auf europäische Ebene „abschiebt“, wie der Standard insinuiert. Er ist nach Artikel 267 AEUV geradezu verpflichtet, den EuGH zu befassen.

Hinter dem Verfahren stehen natürlich handfeste Interessen, das Christentum wieder einen Schritt weiter aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Kein Arbeitnehmer würde wegen der trüben Aussicht auf einige Euro Feiertagszuschlag durch alle Instanzen prozessieren. Es ist daher interessant, dass die öffentlich-rechtliche Arbeiterkammer diesen Fall vorantreibt, der für viele Arbeitnehmer nachteilige Folgen haben kann. Noch mehr, dass sie sich davor sträubt, die Parallelen zu Jom Kippur herauszuarbeiten, der ebenfalls nur ein partieller Feiertag ist. Bei diesem ist freilich deutlicher, dass es für die betroffenen Gläubigen besonders wichtig ist, an diesem Tag frei haben zu dürfen, und daher der Schutz der Religionsausübung ein gewichtiges Argument ist.

Wenn Eric Frey im „Standard“ für eine „rasche Lösung“ vor der Entscheidung des EuGH plädiert, ahnt man schon, wohin die Reise geht: Einige, die mit der Klage sympathisieren, haben Sorge, der EuGH könnte zumindest derart entscheiden, dass ein partieller Feiertag grundsätzlich möglich ist, aber unter gewissen Bedingungen, die gewährleisten, dass tatsächlich die Freiheit der Religionsausübung durch die Regelung gesichert wird. Bei einer Kollision zweier Grundrechte sind solche abwägenden Urteile durchaus üblich. Der Karfreitag hat hier als partieller Feiertag den schwereren Stand, da er ja auch für anerkannte Religionsgemeinschaften von großer Bedeutung ist, deren Karfreitag aber durch keinen gesetzlichen Feiertag geschützt ist. Der besondere Schutz, der gerade den Evangelischen, Altkatholiken und Methodisten zukommen muss, ist hier vielleicht schwerer zu argumentieren, wenngleich begründbar.

1955, als die Regelung eingeführt wurde, zielte die Argumentation darauf ab, dass Angehörige der Minderheitsbekenntnisse durch die Anerkennung eines eigenen Feiertags Anerkennung erleben würden. Es sei auch ein Ausdruck gelebter Toleranz, und durch die unterschiedliche Theologie von Katholiken und Evangelischen sei auch erklärbar, warum für die Katholiken der Karfreitag kein gesetzlicher Feiertag sei. So kann man es im Stenographischen Protokoll der entscheidenden Sitzung des Nationalrats nachlesen, in der Abg.z.NR Kranebitter ein theologisch gehaltvolles Bekenntnis zu seinem katholischen Glauben ablegt, das schon von seiner Tiefe her heute schwer vorstellbar wäre.

Palmsonntag: Wer sind wir?

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Giotto Einzug Jesu in Jerusalem (Scorvegnikapelle)

Der Palmsonntag vereinigt die Freude über den Einzug Jesu in Jerusalem, seine festliche Begrüßung, mit den düsteren Ereignissen der Kartage. In der außerordentlichen Form des Ritus drückt sich das sinnfällig aus, denn da wechselt der Priester von roten Paramenten dann vor der eigentlichen Meßfeier, in der die Leidensgeschichte Jesu gelesen wird, zu violett. Zum Einzug hören wir den Ruf der jubelnden Menge:

Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!

Es werden Lobgesänge auf Gott gesungen, ein Hymnus auf Christus als König. Nach dem Evangelium zur Palmprozession ruft der Priester dazu auf, die Jesu preisenden Massen nachzuahmen. Auf Deutsch heißt es:

Wie einst das Volk von Jerusalem Jesus zujubelte, so begleiten auch wir jetzt den Herrn und singen ihm Lieder.

Doch das lateinische Original ist deutlicher. Eine wortgetreuere Übersetzung wäre wohl:

Liebe Brüder, ahmen wir die Mengen nach, die Jesus zujubelten, und gehen wir in Frieden los.

Das wirft auch ein Licht auf uns selbst. In der Menge, die Jesus zujubelte, waren wohl auch solche, die nur wenige Tage später ihn ans Kreuz wünschen würden. Aber auch solche, die sich aus Furcht vor den Mächtigen dann verstecken, lieber ruhig verhalten oder ihren Jubel verleugnen würden. Vielleicht auch jemand, der verzweifelt nachdenken würde, wie er Jesus helfen könnte. Wer sind wir, wenn der Jubel in Hass und Verfolgung umschlägt? Wer sind wir, wenn der Glaube verspottet, Christus aus der Öffentlichkeit verbannt wird?

Viele glauben von sich, sie wären Helden, wenn es darauf ankommt. Der Palmsonntag erzählt uns nüchtern, wie schnell aus Jubel Not werden kann, und wie einsam es in dieser Not aussieht. Freilich: Ostern und Pfingsten eröffnen uns neue Möglichkeiten. Und so hören wir in der Apostelgeschichte wiederum, dass viele aus der Menge in Jerusalem nach Pfingsten zu Christen wurden. Viele, denen Petrus in seiner Predigt vorhalten konnte, dass sie an Jesu Tod mitschuldig seien.

Isidor von Sevilla

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla: De Natura Rerum. Capitulum I. (Sankt Gallen)

Isidor von Sevilla wird heute gerne als „Schutzpatron des Internets“ bemüht, besonders an seinem Gedenktag, dem 4. April. Nun, einige der Möglichkeiten des Internets täten dem langjährigen Erzbischof von Sevilla vielleicht gefallen. Wie Josef Bordat darstellt, ist der hl. Isidor aber vor allem ein wesentlicher Mittler von Wissen und Bildung. Isidor kompilierte z.B. eine zwanzigbändige Enzyklopädie, die sogenannten Etymologiae, oder ein Buch über die Natur, De Natura Rerum. Gemeinsam mit Beda Venerabilis, der in England ebenfalls wichtige Kompilationen und Zusammenfassungen überlieferten Wissens schuf, konnten so Sammlungen erstellt werden, die angesichts knapper Ressourcen und unsicherer Zeiten einen vertretbarem Umfang hatten und daher weite Verbreitung fanden. Beiden spielten z.B. bei der Vermittlung der Kugelgestalt der Erde eine Rolle — siehe eine Dissertation von Klaus Anselm Vogel.

Der hl. Isidor war auch als Historiker aktiv, gestaltete aber auch selbst Geschichte in mehreren Synoden. Sein Einsatz für den Aufbau von Schulen und die Erstellung fester Bildungsinhalte war wegweisend. Es soll aber auch nicht sein Antijudaismus verschwiegen werden, der sich in einer eigenen Schrift über die Juden ausdrücken sollte.

Nicht zuletzt war er ein Theologe und Seelsorger. Darüber hat Papst Benedikt XVI. bei einer Audienz gesprochen und dabei darauf hingewiesen, wie Isidor die richtige Balance im Glaubensleben zwischen Versenkung und aktivem Tun betont, die für ein erfülltes Leben so wichtig ist:

Die endgültige Bestätigung einer rechten Lebensorientierung sucht Isidor im Vorbild Christi und sagt: ‚Jesus, der Erlöser, bot uns das Vorbild des aktiven Lebens, wenn er sich tagsüber dem Wirken von Zeichen und Wundern in der Stadt hingab, aber er zeigte das kontemplative Leben, wenn er sich auf den Berg zurückzog und dort im Gebet die Nacht verbrachte‘ (op. cit., 134: ebd.). Im Licht dieses Beispiels des göttlichen Meisters kann Isidor mit dieser klaren moralischen Lehre schließen: ‚Deshalb widme sich der Diener Gottes in Nachahmung Christi der Kontemplation, ohne dem aktiven Leben zu entsagen. Sich anders zu verhalten, wäre nicht recht. Denn wie man Gott mit der Kontemplation lieben muß, so muß man den Nächsten mit dem Handeln lieben. Es ist also unmöglich, ohne das gleichzeitige Vorhandensein der einen und der anderen Lebensform zu leben, noch ist es möglich zu lieben, wenn man nicht die Erfahrung sowohl der einen wie der anderen macht.‘

Gerade in der Fastenzeit kann also der hl. Isidor in manchem zum Wegweiser werden.

5. Sonntag der Fastenzeit: Rette mich!

Sonntag Judica: Missale Basel 1487

Sonntag Judica: Missale Basel 1487


Mit dem 5. Sonntag der Fastenzeit nähern wir uns den Leidenstagen der Karwoche. Der Sonntag ist auch als „Passionssonntag“ bekannt, weil nun das kommende Leiden Jesu ins Blickfeld rückt. Oft werden nun die Kreuze in den Kirchen verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, Bilder verhüllt, wie es im Messbuch auch ausdrücklich gewünscht ist. Statt dem freudenstrahlenden Vers der Vorwoche hören wir nun einen — wenn auch hoffnungsvollen — Hilferuf:

Introitus (Ps 42,1-2a.3)1 Eingangsvers2
Judica me Deus Verschaff mir Recht, o Gott,
et discerne causam meam de gente non sancta. und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk!
ab homine iniquo et doloso eripe me Rette mich vor bösen und tückischen Menschen,
Quia tu es Deus meus et fortitudo mea. denn du bist mein starker Gott.
Emitte lucem tuam et veritatem tuam: (Sende dein Licht und deine Wahrheit,
ipsa me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. damit sie mich leiten; sie sollen mich führen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.)

In der alten Leseordnung wurde an diesem Sonntag eine Stelle aus dem Hebräerbrief über Christus als den sich opfernden Hohepriester (Hebr 9,11-15) und ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, in dem ein Dialog zwischen Jesu und einer ihm feindlich gesinnten Gruppe soweit eskaliert, dass ihn die aufgebrachte Menge steinigen will (Joh 8,46-59). In der neuen Leseordnung kommt entweder die Rettung des Lazarus (Joh 11,1-45), eine letzte Rede (Joh 12,20-33) oder die Geschichte über die Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zum Zug.

Der Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist tatsächlich ein Vorausblick auf die Passion und das Gerichtsverfahren, dem sich Jesus später ausgesetzt sehen wird. Es ist der Schlusspunkt einer Eskalation, die nach der Perikope der Ehebrecherin beginnt. Unter seinen Gesprächspartnern sind solche, die ihm geglaubt hatten, aber ihn auf mehreren Ebenen missverstehen und schließlich als Samaritaner, Besessenen und schließlich Gotteslästerer bezeichnen. Jesus wiederum erkennt, dass die Herzen seiner Gegenüber verhärtet sind und versucht, sie aufzurütteln.

Es ist nebenbei schade, dass die Einheitsübersetzung eine interessante Nuance nicht wiedergibt. Jesus sagt, wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht sehen. Seine Gegner wiederholen seine Worte anders: Wer an seinem Wort festhalte, werde den Tod auf ewig nicht schmecken. Dieser Unterschied ist wohl mit Bedacht gewählt; in der Einheitsübersetzung wird allerdings die verfälschte Antwort mit „erleiden“ wiedergegeben, wodurch das Missverständnis weniger deutlich wird. Jesus spricht von der Auferstehung, seine Gegenüber vom Sterben an und für sich. Er spricht vom „Sehen in Ewigkeit“, sie vom „Schmecken“ oder „Kosten“.

Nachdem er bekennt: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“, wollen ihn seine Gegenüber steinigen. Und so passt der Introitus wiederum gut zum Evangelium: Denn die mit Jesus sprechenden Menschen hatten an ihn geglaubt, verwerfen ihn nun aber, trachten ihm nach dem Leben. Gott aber verschafft Jesus Recht: Nun entkommt er, später wird er verherrlicht. Diejenigen aber, die sich von seinem Licht, seiner Wahrheit leiten lassen, werden zur Freude des Ostergeschehens geführt.


  1. Nach einem Missale Romanum, Basel 1487. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt 

Taugt die Zerstörung des Tempels als Eichpunkt für die Evangeliendatierung?

In der modernen deutschsprachigen Bibelwissenschaft ist die Spätdatierung des Neuen Testaments fester Bestandteil des Lehrkanons. Ein wesentliches Argument dafür ist, dass die Evangelien erst nach der Zerstörung des Tempels geschrieben worden sein können, weil dieser Vorgang in den Evangelien — wenn auch nur sehr allgemein — vorhergesagt würde. Siehe z.B. bibelwissenschaft.de, das den akademischen Konsens in Deutschland ganz gut wiedergibt.

So steht im Markusevangelium, das heutzutage allgemein für das älteste Evangelium gehalten wird1, die Voraussage:

Als Jesus den Tempel verließ, sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Meister, sieh, was für Steine und was für Bauten! Jesus sagte zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, alles wird niedergerissen. […] Wenn ihr aber den unheilvollen Gräuel an dem Ort seht, wo er nicht stehen darf – der Leser begreife -, dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; wer gerade auf dem Dach ist, soll nicht hinabsteigen und ins Haus gehen, um etwas mitzunehmen; wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren, um seinen Mantel zu holen. Weh aber den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen. Betet darum, dass dies alles nicht im Winter eintritt. Denn jene Tage werden eine Not bringen, wie es noch nie eine gegeben hat, seit Gott die Welt erschuf, und wie es auch keine mehr geben wird. (Mk 13,1.14-19)

Diese Stelle findet Parallelen bei Matthäus in Kapitel 24 und Lukas in Kapitel 21.

Nun lasse ich einmal den berechtigten Einwand beiseite, dass Theologen nicht von vornherein die Möglichkeit einer Prophezeiung ausschließen sollten. Selbst innerhalb des Versuchs, die Bibel theologisch unter dem Primat eines Ausschlusses der Transzendenz zu untersuchen, ist die Position der Spätdatierung keineswegs so gesichert, wie suggeriert wird.

Eine apokalyptische Welt

Prophetien sind namensgemäß bei den Propheten in großer Zahl zu finden, von den Gottesknechtliedern Jesajas bis zur Bethlehem-Vision des Micha. Die darüber hinausgehende, endzeitliche apokalyptische Literatur war im Judentum um Christi Geburt wiederum weit verbreitet. Sie findet sich bereits im Alten Testament z.B. im Buch Daniel und in vielen außerbiblischen Büchern wie dem 4. Buch Esra. In diesem Werk, das in Liturgie und Überlieferung Spuren hinterlassen hat, finden sich ausführliche Endzeitbeschreibungen, die ähnliche Motive aufweisen wie die kleine Apokalypse des Markus.

Das Genre war also bekannt und wurde nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum in der Antike noch eine Zeitlang weitergeführt, siehe etwa die verschiedenen Apokalypsen des Baruch. Die Vorhersage einer Zerstörung des Tempels befindet sich bereits mehrmals im Alten Testament, so z.B. in Jeremia 7. Der Topos wurde, wenn wir dem Geschichtsschreiber Flavius Josephus glauben dürfen, vor der Zerstörung des Tempels verwendet: Josephus berichtet für das Jahr 62 von Jesus Sohn des Ananias, der für seine Untergangsprophezeiung ebenfalls gegeißelt wurde.

Die Zeit der Herodianer und der römischen Herrschaft in Judäa wurde nach der unter den Hasmonäern erlangten Freiheit als Rückschritt, als bedrängend und bedrückend empfunden, die Kollaboration der Tempelpriester mit den Römern und die im Tempel grassierende Korruption als Frevel. Ob es in dieser Zeit angesichts der vielen Gruppen mit z.T. gewalttätigen Programmen allzuviel Prophetie bedurfte, um eine Zerstörung Jerusalems durch die Römer vorherzusagen, ist schwer zu sagen.

Warum so schüchtern?

Nun ist nicht einmal klar, ob im Text des Markusevangeliums überhaupt die Zerstörung des Tempels referenziert wird, da er und seine Jünger den Tempel ja gerade verlassen und somit die umgebenden Prachtbauten ansehen. Die Parallelstellen bei Matthäus und Lukas handeln aber zweifellos vom Tempel selbst. Auffällig ist jedoch, dass alle vier Evangelisten die Gelegenheit verstreichen lassen, triumphierend darauf hinzuweisen, dass der Tempel tatsächlich zerstört ist. Stattdessen berichten sie übereinstimmend, dass Jesus vom Niederreißen und Wiederaufbau des Tempels gesprochen und damit die Auferstehung gemeint habe.

Anders Justin der Märtyrer, der in seinem um 160 geschriebenen Dialog mit dem Juden Trypho die Zerstörung Jerusalems als Argument heranzieht, um Christus als das wahre und endgültige Opferlamm darzustellen, da nun in Jerusalem keine Opfer mehr vollzogen werden können. In spätantiken Predigten wird dann selbstverständlich die Verwirklichung der Prophetie ausgekostet.

Warum sollen die Evangelisten so schüchtern gewesen sein, diese eindrucksvolle Bestätigung Jesu nicht zu erwähnen, sondern stillschweigend vorauszusetzen? Und ausgerechnet das Evangelium, das regelmäßig als das jüngste angesehen wird, nämlich Johannes, verzichtet überhaupt auf die Erwähnung der Prophezeiung, wiewohl die Tempelreinigung erwähnt wird.

Freilich ist ein argumentum ex silentio problematisch. Vielen gibt jedoch auch die Stelle in Joh 5,2 zu denken, die im Präsens berichtet: „In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda.“ Seit der Zerstörung Jerusalems gibt es dieses Tor und die Säulenhallen nicht mehr. Ebenso interessant die Beschreibung der Sadduzäer in Lk 20,27 (sowie Mt 22,23; Mk 12,18) als existierende Gruppe, wiewohl sie mit dem Jüdischen Krieg vernichtet wurde. Oder die präsentische Beschreibung des Blutackers, der „bis heute“ so heiße, in Mt 27,8. Sehr eindringlich hier die Schilderung der Eintreibung der Tempelsteuer in Mt 17,24-27, die offenbar keiner näheren Erläuterung bedurfte2. Allgemein schreiben die Evangelisten nicht wie jemand, für den Jerusalem nur noch eine verlassene Ruine ist, sondern für den die Stadt immer noch ein Bezugspunkt ist.

Beispiel Finanzkrise

Schließlich darf man nicht vergessen, dass auch wir heutzutage ständig mit Vorhersagen konfrontiert sind, die keineswegs übernatürliche Quellen haben. Winston Churchill sah einen Eisernen Vorhang auf Europa niederfallen, Samuel Huntington rechnete mit einem schweren Konflikt in der Ukraine und mit der islamischen Welt, Nassim Nicholas Taleb warnte vor der Finanzkrise. Muss man deswegen die Rede Churchills umdatieren, das Publikationsdatum von Huntingtons „Kampf der Kulturen“ für falsch halten, Talebs Buch für eine Fälschung aus der Zeit der Krise?

Eben.

Wir wissen auch nicht, wie die überlieferte Prophezeiung vorher aufgefasst wurde. Immerhin gab es ja, wie schon erwähnt, eine kleine Tradition solcher Untergangsprophetien, deren Zweck nicht unbedingt die Voraussage eines konkreten Ereignisses war, sondern die moralische Umkehr der Zuhörer.

Es gibt viele Gründe, an einer apodiktischen späten Datierung des Neuen Testaments zu zweifeln. Die Tempelprophezeiung taugt als Indikator einer späten Evangeliendatierung jedenfalls nicht.


  1. Zu den diversen Theorien, in welcher Reihenfolge die Evangelien entstanden sind, siehe die umfassende Einführung von Stephen Carlson auf der „Synoptic Problem Website“
  2. Durchaus möglich, dass mit der Perikope eigentlich die Frage behandelt werden sollte, ob (jüdische) Anhänger Jesu Tempelsteuer zahlen sollten. 

4. Sonntag der Fastenzeit: Seid fröhlich zusammen mit ihr!

Missale Salisburgensis

Missale Salisburgensis

Der 4. Sonntag der Fastenzeit heißt bekanntlich Sonntag „Laetare“ und lässt Ostern schon vorleuchten, wie schon an den rosafarbenen Paramenten erkennbar sein kann, sofern man welche hat. Die Halbzeit der Quadragesima, der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern, ist geschafft, das Ziel rückt näher. Das hört man auch im Introitus, der in der deutschen Übersetzung des Messbuchs allerdings etwas verstümmelt ist:

Introitus (Js 66, 10-11; Ps 121,1)1 Eingangsvers2
Laetare, Ierusalem, Freue dich, Stadt Jerusalem!
et convetum facite, omnes qui diligitis eam; Seid fröhlich zusammen mit ihr,
gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis, alle, die ihr traurig wart.
ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.
Lætatus sum in his, quæ dicta sunt mihi: (Ich freute mich, als man mir sagte:
in domum Domini ibimus. „Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“)

Der Eingangsvers lautet in der Einheitsübersetzung etwas anders:

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!

Das Sprachbild der mater lactans war wohl den Übersetzern der deutschen Ausgabe — im Unterschied zum Vatikan und den Übersetzern anderer Sprachen — zu gewagt. Schade, denn hier wird die tröstende Verheißung des neuen Jerusalem wortgewaltig spürbar. Nach der Trauer, die uns oft in dieser Welt überkommt, ist uns im Bild des „neuen Jerusalem“ (Offb 21,10-27) ein Zeichen dafür gegeben, welche Fülle uns Jesus schenken will. Eine Fülle, gegenüber der wir wie ein Kind sind, das von seinen Eltern umsorgt und getröstet wird.

Traditionell wurde an diesem Sonntag die wunderbare Brotvermehrung nach Johannes gelesen. Diese Perikope bot sich aus mehreren Gründen an: Gleich zu Beginn vermerkt der Evangelist, dass das Paschafest nahe war. Wie aus den fünf Broten und zwei Fischen mehr als genug für die große Menschenmenge wird, so schenkt Jesus die Fülle des Lebens. Die Brotteilung weist zudem auf die Eucharistie voraus. Schließlich zieht sich Jesus zurück, als er ahnt, dass ihn die Menschen zum irdischen König machen wollen — eine Vorahnung der Geschehnisse am Palmsonntag und ihrer bitteren Konsequenz.

So entsprachen sich Eingangsvers und Evangelium im Hinweis auf die verheißene Fülle des Lebens. Entsprechend wurde als Epistel ein Abschnitt aus dem Galaterbrief gelesen, der ebenso auf das himmlische Jerusalem bezugnimmt: „Das himmlische Jerusalem aber ist frei, und dieses Jerusalem ist unsere Mutter.“

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, doch auch eine Zeit der Vorfreude. In diesem Fall ist Vorfreude zwar nicht die schönste Freude, aber ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird.


  1. Nach dem Missale Salisburgense, Wien 1510. 
  2. Nach der deutschsprachigen Übersetzung der Editio typica secunda des Missale Romanums von 1975. Die gekürzten Verse wurden aus der Einheitsübersetzung ergänzt.